Unglückliches Timing oder bewusstes Abtauchen? Während Appelmann Getränke vorläufige Insolvenz anmeldet, weilt der Geschäftsführer im Urlaub. Die Lieferanten zeigen sich überrascht. Dabei gab es in der Bilanz bereits Warnsignale.
Die Nachricht kam überraschend: Die Appelmann Getränke Großvertrieb GmbH hat am 20. August beim Amtsgericht Köln vorläufige Insolvenz angemeldet. Zum Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Michael Wilbert bestellt. Für viele in der Branche wirft der Vorgang Fragen auf – nicht nur wegen der wirtschaftlichen Lage, sondern auch wegen des Timings: Der seit 2021 als externer Geschäftsführer eingesetzte Matthias Rischer, 47, befand sich zum Zeitpunkt des Pleite-Bebens im Urlaub und war für Lieferanten und Partner nicht erreichbar. Dafür musste Andreas Appelmann, 44, Prokurist und Sohn von 100%-Gesellschafter und Inhaber Lutz Appelmann, 70, gegenüber Gläubigern Rede und Antwort stehen.
Dabei enthielt die zuletzt veröffentlichte Bilanz zum 31.12.2023 bereits deutliche Warnsignale. Zwar konnte Appelmann ein Umsatzwachstum von 8,8% auf rund 38 Mio Euro verzeichnen, doch die wirtschaftliche Substanz war angegriffen. Die Bilanz wies einen nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag von knapp 900.000 Euro aus – eine bilanzielle Überschuldung, die laut Lagebericht bereits seit 2012 besteht. Die Umsatzrendite lag bei lediglich 0,4%, die Liquidität war nur durch externe Unterstützung gesichert. Lieferanten, Banken und Gesellschafter hielten das Unternehmen über Wasser – ein fragiles Konstrukt.
Fortführungsprognose nicht mehr günstig
Die Geschäftsführung setzte dennoch auf eine positive Fortführungsprognose und plante für 2024 mit einem Überschuss von 223.000 Euro. Laut INSIDERN liefen die Geschäfte zuletzt gar nicht schlecht – der Umsatz wird auf rund 40 Mio Euro beziffert. Doch die strukturelle Unterfinanzierung und die hohe Abhängigkeit von externen Faktoren machten Appelmann anfällig. Aus Kölner Kreisen heißt es, die Fortführungsprognose sei inzwischen nicht mehr günstig. Intern wurde die vorläufige Insolvenz den rund 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei einer Personalversammlung als strategische Maßnahme „verkauft“ – man wolle Altschulden loswerden, die Geschäfte würden unverändert weiterlaufen.
Doch die vorläufige Insolvenz zieht weitere Kreise. Appelmann war über Jahre hinweg ein verlässlicher Dienstleister im Raum Köln – nicht nur im Bereich der Flaschen- und Kistensortierung für Hersteller, sondern auch als zentraler Partner innerhalb der GHC Getränke Handels Cooperation. Als Mitglied der Genossenschaft übernahm Appelmann zentrale logistische Aufgaben, darunter die Funktion als Zentrallager. Diese Rolle brachte Einkaufsvorteile und eine enge Einbindung in die Vermarktungs- und Vertriebsstrukturen der GHC mit sich. Als einer der wenigen Verleger hatte er sogar Reissdorf im Fass. Die Auswirkungen auf das Netzwerk sind noch nicht absehbar.
Auch der Gastrovertrieb Aktivgetränke, der auf dem Appelmann-Gelände sitzt und von dort beliefert wird, ist direkt betroffen. Unklar ist derzeit auch, wie es mit den 17 Appelmann-Getränkefachmärkten weitergeht, die unter dem Label Die Getränke Profis teils in Eigenregie, teils als Partnermärkte betrieben werden. Erst Ende 2024 hatte Appelmann Getränke Pauly in Gummersbach übernommen. Die Insolvenz ist nun die Konsequenz einer langjährigen wirtschaftlichen Gratwanderung – mit offenem Ausgang für viele Betroffene auf dem Kölner Getränkemarkt.

