Ein Schreiben von Verleger Paul Anderl sorgt in Südbayern für Wirbel. Seine Forderung nach einem Integrationsbonus für die Übernahme von Getränke Endres löst Empörung aus. Sogar die Verbände mischen sich ein. Anderl selbst findet die Reaktionen übertrieben, nimmt‘s aber gelassen.
Am 31. Mai hat Paul Anderl einen Brief verschickt, in dem er es sich in blumigen Worten erlaubt, „auf den Wert der Wareneingänge aller Unternehmen der Anderl Getränke-Gruppe des Jahres 2024 im Januar 2025 eine Rechnung in Höhe von 2,5% zu stellen“. Dieser Betrag sei einmalig zu entrichten und stelle kein Präjudiz für die Zukunft dar. Diese Forderung begründet Anderl vor allem mit seiner Expansion. Vor einem Jahr hatte das Top-Mitglied Anderl „im größten Kraftakt der Firmengeschichte“ den zu Pro Getränke gehörenden Getränke Endres übernommen.
Bei vielen Herstellern kommt das zweiseitige Schreiben mit „der höflichen Bitte um Unterstützung“, wie Paul Anderl es gegenüber INSIDE nennt, nicht gut an. „Fehlendes Feingefühl“, „Überheblichkeit“ oder „schlechtes Timing“ attestiert ihm manch einer seiner Lieferanten vor dem Hintergrund, dass gerade erst die Jahresgespräche beendet wurden. Anderl entgegnet, dass man sich zunächst habe sortieren müssen, keinen „Schnellschuss“ abgeben wollte. Die gesamte Übernahme sei bis zum Abschluss der Jahresgespräche kaum bearbeitet worden. Zudem seien die Kunden von Endres noch von der Pro verhandelt worden – die Verträge laufen bis Jahresende. Mit dem Schreiben habe man nun ein Jahr nach der Übernahme den Lieferanten „ganz gläsern den eigenen Standpunkt“ mitteilen wollen. Ihm sei wichtig, den „guten, leistungsfähigen, privaten Getränkefachmarkt nach vornezubringen“. Mit der Endres-Übernahme, so seine Überzeugung, habe man das getan. Sonst hätte seiner Meinung nach ein anderer zugeschlagen. Wen er damit meint, lässt er offen. Klar ist, dass die Edeka in Südbayern mit ihrem Fachmarktformat Trinkgut einen aggressiven Expansionskurs fährt und Radebergers Getränke Hoffmann zahlreiche Getränkefachmärkte aufsaugt.
Dennoch: Für einige Adressaten bleibt ein fader Beigeschmack, weil die Top-Gruppe (Anderl, Degenhart, Göbel, Hörl, Sagasser) kürzlich erst mit Pro Getränke unter das gemeinsame Dach der neuen Beverage Independence Group (BIG) der Konditionenkämpfer Thorsten Schön und Georg Gorki geschlüpft ist (deren Sprachduktus einige in Anderls Forderung zu erkennen glauben). Einen Zusammenhang dementiert Anderl eisern. Es sei nun mal zeitlich so zusammengefallen. Während mancher Brauereichef laut INSIDERN den Brief salopp als „netten Versuch“ abgetan oder angeblich gar durchgestrichen mit einer Absage garniert zurückgeschickt haben soll, muss die Luft im bayerischen Voralpenland bei einigen Herstellern offenbar zumindest so dick sein, dass sich vergangene Woche die Verbände Private Brauereien Bayern und der Bayerische Brauerbund einschalteten.
Die Privaten schreiben Anderl und dessen Einkaufsleiter Florian Hundhammer: „Diese Forderung ist rechtlich nicht durchsetzbar. In allen uns vorliegenden Fällen bestehen Lieferbeziehungen, in denen für Ihre Tätigkeit Festpreise für 2024 vereinbart wurden. Der von Ihnen geforderte ‚Jahresbonus‘ ist hierin nicht enthalten! Insofern besteht diesbezüglich keine Zahlungsverpflichtung für unsere Mitgliedsbetriebe.“
Überrascht zeigt sich auch der Brauerbund. Der Verein gibt in seinem Schreiben an Anderl und Hundhammer eine formale Beurteilung ab: „Nach unserer Rechtsauffassung ist es kartellrechtlich zumindest bedenklich, wenn ein Unternehmen seinen Vertragspartner auffordert, ihm Vorteile zu gewähren, für die keine sachliche Rechtfertigung besteht. Derartige Forderungen müssen aus Sicht der Lieferanten nachvollziehbar begründet sein. Es bedarf daher grundsätzlich einer angemessenen, kalkulierbaren und tatsächlich gewährten Gegenleistung für den Lieferanten.“ Eine solche könne dem Schreiben von Anderl nicht entnommen werden. Auch sei „ein aus Ihrem Expansionsstreben resultierender möglicher Effizienzgewinn in unseren Augen weder gegeben noch auch nur absehbar ersichtlich“, heißt es weiter.
Vor allem den Vorwurf, dass er möglicherweise gegen das Kartellrecht verstoße, ficht Anderl entschieden an: „Ich kenne das Kartellrecht. Wir werden uns immer an Recht und Gesetz halten.“ Mit den Lieferanten wolle er auch in Zukunft „vernünftig sprechen und um Unterstützung bitten, wie das jeder andere Händler in der Branche auch macht“. Überhaupt seien offenbar „wilde Dinge“ in sein Schreiben hineininterpretiert worden. „Wenn ein Lieferant Klärungsbedarf hat, soll er doch bitte das Angebot annehmen, wie es im Schreiben steht, und uns anrufen“, so Anderl.
Doch auch eine weitere Formulierung aus Anderls Schreiben bringt Lieferanten auf die Palme. Anderl schreibt: „Partner, die uns auf diesem Weg begleiten, können sicher sein, dass wir die Zusammenarbeit aktiv leben und gemeinsam die Zukunft erfolgreich gestalten werden und damit gemeinsames Wachstum sicherstellen. Gleichwohl haben Sie auch Verständnis dafür, dass wir Partner, welche unsere Zusammenarbeit nicht aktiv im Geiste eines zukunftsorientierten und nachhaltigen Handelns begleiten, auch im Interesse und Recht von Fairness und Berechenbarkeit gegenüber anderen, von unserem engagierten Tun und Handeln ausschließen werden.“ Der Brauerbund wertet dies als „Drohung“. Durch diese werde „die Entschlussfreiheit unserer Mitgliedsunternehmen“, dem Wunsch von Anderl zu entsprechen, „eingeschränkt“.
Paul Anderl findet die Reaktion überzogen. Dass sich die Verbände eingeschaltet haben, kann er generell verstehen. „Die setzen sich naturgemäß für ihre Mitglieder ein.“ Trotzdem würde er sich wünschen, dass mindestens genauso viel Energie in „wichtigere Themen wie die Pfanderhöhung“ gesteckt würde. Wird das ganze Thema also unnötig aufgebauscht? Der Händler sieht das so. Er habe von einer Vielzahl seiner Lieferanten, für die er sein Unternehmen, als „Der“ leistungsfähige und loyale Partner sieht, bereits Unterstützung zugesagt bekommen. In einem Brief einer bayerischen Brauerei heißt es etwa: „Unsere gesellige und traditionelle Branche darf sich über jedes privat geführte Unternehmen freuen, welches [...] mit Sachverstand, Fleiß und unternehmerischen Mut in die nächste Generation gesteuert wird. Neben der persönlichen Sympathie sind wir glücklich von so einem tollen Unternehmen in Südbayern vertreten zu werden. [...] Vor diesem Hintergrund wollen wir Eurer Bitte mit dem einmaligen Bonus in Höhe von 2,5% selbstverständlich entsprechen.“
Artikel aus Heft 953
