MetaBrew: Der letzte Strohhalm

Dieser Artikel wurde in IF- INSIDE FUTURE 2025 #1 (Mai 2025) veröffentlicht.

 

Was tun, wenn Business-Plan Nr 1 nicht funktioniert? Und Business-Plan Nr 2 auch nicht? Im oberfränkischen Naila muss ein sehr groß gedachtes Startup beweisen, dass nicht alles ein Missverständnis war. Am Ende soll es die erste alkoholfreie Brauerei Deutschlands werden. Es ist der letzte Strohhalm. Es muss jetzt funktionieren. 

Juli 2022

Mit einem „regelrechten Hype um das Start-up“ und dem „Verkauf von Miteigentumsrechten an einer Münchner Brauerei will das Team rund um CEO und Co-Gründer Holger Mannweiler einen echten Nerv getroffen haben – und das weltweit“, jubelte das Marketing der neu gegründeten MetaBrewSociety im Juli 2022. Man wolle die erworbene Brauerei flugs auf eine Kapazität von 100 Mio Dosen, also mindestens 330.000 hl, ausbauen. Für MBS trommelte die Crew um Holger

Mannweiler (u.a. Gründer von Secufy, ABD Cosmetics), den Secufy-CEO Tim Drebes, den Münchner Hobbybrauern (Südbier) Marcus Büttner und Johannes Hoffmann, Gründer und CEO von Safectory, Investoren auf NFT-Basis zusammen.

Nach INSIDE-Recherchen stellte sich heraus: Es handelte sich weder um eine Münchner Brauerei noch um 100 Mio Dosen. Sondern, auf Nachfrage von INSIDE, perspektivisch um 10 Mio Dosen, ergo: rund 33.000 hl Bier. Als Brauort wurde von INSIDE letztlich die oberfränkische Brauerei Michael in Weißenstadt (Lkrs. Wunsiedel) lokalisiert, zuvor maximal 5.000 hl groß und ziemlich renovierungsbedürftig. Bis September 2022 sammelte MBS dennoch via NFT-Verkäufe die erste Million Euro ein, insgesamt sollten 1,5 Mio Euro erlöst werden. Gegenwert für die Investoren: Pro NFT á 1.000 Euro 240 Dosen Bier im Jahr, garantiert auf drei Jahre, womöglich lebenslang. Ziel: eine weltweite MBS-Community mit jedem NFT-Halter als Vertriebsaußendienstler. Ein Selbstläufer, sozusagen.

Februar 2023

Schneller als die Anlagen in Weißenstadt erodieren die Pläne der MBS für die Michael-Brauerei. Allen Dementi zum Trotz verorten INSIDER im Februar 2023 einen neuen Standort, ebenfalls in Franken: das Frankenwälder Brauhaus in Naila bei Hof. Im Spätherbst 2022 hatte der Nailaer Logistikunternehmer Walid Aziz als Eigentümer der noch max. 15.000 hl Bier großen Brauerei dort das Licht ausgeknipst.

MBS quartiert sich ein. Es soll jetzt das ganz dicke Ding werden. Eigene mobile Entalkoholisierung, zwei Lohnbrau-Verträge über insgesamt 4.200 hl. Im Verwaltungsgebäude. sollen Airbnb-Appartments entstehen, die über einen eigenen Anschluss direkt mit Bier aus der Brauerei versorgt werden. Das üppige angepachtete Gelände könnte künftig auch einen Escape Room, einen Abenteuerspielplatz und ein Biermuseum beherbergen.

Oktober 2023

Die „erste Web3-Brauerei der Welt“ ist in der Realität angekommen und entdeckt als neues Marktsegment Light-Bier mit weniger Alkohol und Kalorien zum Premium-Preis. Dazu funktionelle Biere, wie sie etwa JoyBräu (mittlerweile bei Oettinger) und die Münchner Traditionsmarke Mathäser. Die einstige Löwenbräu-Marke gelangte 2014 in den Besitz von Max Wagner und Gregor Schlederer und 2019 schließlich zu Marcus Büttner, der Brauer und Mitgründer der MBS ist.   

Dezember 2023

Von den zuletzt avisierten 1 Mio Dosen wurden in 2023 maximal die Hälfte produziert. Dass die Hausbank der MBS alle Konten kündigte, weil diese sich mit Kryptowährung beschäftige, hält   Holger Mannweiler in einem Schreiben an die Fangemeinde für „pure Ignoranz“; er muss nun aber seinerseits die Privatinvestoren überzeugen, dass das Geschäftsmodel auf Dauer funktioniert. 

November 2024

INSIDE enthüllt, dass die MBS in Naila die von Oettinger erworbene Marke „Karmeliter“ abfüllt. Gebraut wird angeblich in Oettingen. Sitz der „Karmeliter Bräu“ ist im übrigen Bamberg – auch wenn dort weder gebraut noch abgefüllt wird.

Mai 2025

Mannweilers MBS ist unsanft in der Realität angekommen. Filtrierung: abgeschafft. Flaschenfüllung: wird geschlossen. Der Braubetrieb im alkoholischen Segment gestoppt bis auf wenige Hektoliter, mit denen die NFT-Halter noch bis Ende des Jahres befriedigt werden: 60 Dosen á 0,33 Liter pro Quartal bis September 2025 versandkostenfrei, danach versandkostenpflichtig. Man kann sich ausrechnen, wie viele NFT-Halter z.B. in den USA nach September 2025 noch darauf bestehen werden, Dosenbier aus Naila zu beziehen, bei dem der Versand teurer ist als der Inhalt.

In Naila begleitet INSIDE Holger Mannweiler in den Tiefen des Kellers durch eine Anlage, die von den Vorbesitzern in den Nachwendejahren mit viel Fördergeld auf 100.000 Hektoliter Kapazität aufgedonnert wurde. Dieses Versprechen hat die Brauerei nie eingelöst. Am Ende waren es vielleicht 2.000 Hektoliter. 

Und jetzt? Kein Mathäser mehr. Keine Abfüllung für Karmeliter. Wir haben es nicht geschafft, wird Mannweiler im Hinterland des Kulmbacher-Verbreitungsgebietes sagen, in dem Kampfpreise des Platzhirschen von unter 10 Euro/Kasten zur Normalität gehören. Der Preisdruck ist zu groß. Es lässt sich alles nicht mehr wirtschaftlich rechnen. Wir schaffen es nicht mehr.

Alle Hoffnungen ruhen jetzt auf Patenten für die Herstellung eines Extraktes, mit dem sich alkoholfreie Erfrischungsgetränke mit Bieranmutung herstellen lassen – in Deutschland, dank eines kleinen Kniffes bei der Herstellung, wohl auch ein alkoholfreies Bier. Ein Extrakt, das Malz, Hopfen und Hefe enthält und trotzdem nicht gärt und das in Bag-in-Box-Systemen quer durch die Welt reisen soll. Mal als „Bier“, mal als Radler, mal als Cross-Over-Getränk in vielen denkbaren Facetten, als MetaBrewSociety-Brand. 

Selbst dafür muss MBS nochmal Geld von Privatinvestoren aufnehmen. Die NFT-Community staunt und macht Platz. Der eine Strohhalm darf jetzt nur nicht knicken.

 

Toni Greim

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