Coca-Cola Europacific Partners (CCEP) Deutschland wird umgekrempelt. Die harten Schnitte an den Logistik-Standorten Köln, Neumünster, Hohenschönhausen, Memmingen und Bielefeld bilden nur die Spitze des Eisbergs. Daneben werden Logistikregionen neu definiert, Standorte abgespeckt und neue Planungsregionen definiert. Den Umbau lässt sich die CCEP eine abenteuerliche Summe kosten.
Auch wenn die NGG gewohnheitsmäßig ins dicke Horn blies und scharfe Kritik an der Auslösung der fünf Standorte übte: Um die rund 500 Angestellten, die ihren Job verlieren, braucht man sich dank unvergleichlicher Abfindungszahlungen keine Sorgen machen: Laut INSIDERN sollen im Schnitt veritable 200.000 Euro zur Disposition stehen – Relikt aus hart geführten Tarifstreits in den Zehnerjahren. Ähnliches gilt für Personal an den Standorten Fürstenfeldbruck, Halle, Achim, Herten und in der Hauptverwaltung in Berlin, wo es zu Einsparungen kommen soll.
So gerechnet kosten die aktuellen Infrastrukturmaßnahmen über den Daumen gerechnet 100 Mio Euro!
Für diese Summe hätte man die Leute wohl auch bis zur Rente Luftballons für Kindergarten aufblasen lassen können. Doch CCEP-Deutschland-Chef John Galvin muss offenbar auf Teufel komm raus die operativen EBITDA-Kennziffern verbessern.
In Köln, wo die deutsche CCEP bislang eine MW PET- und eine BIB-Produktionslinie betrieb, bei einem Lagerausgang von 400.000 Paletten in 2023, wird neben der Logistik auch die Produktion geschlossen und (wie von INSIDE im Mai 2024 angekündigt – Ausgabe 950) ins 50 Minuten entfernte Bad Neuenahr (Mehrweg) sowie nach Dorsten (Bag-In-Box) umziehen. Die ganze Operation lief im Vorfeld derart geheim, dass der Kölner Gesamtbetriebsrat im Juli erst mit Verweis auf einen INSIDE-Artikel (Ausgabe Nr. 950: „Coca-Cola: Köln wackelt“) die Frage nach der Standortsicherheit stellte. Berechtigt, wie sich jetzt herausstellt.
Edeka Minden: DGL/Essmann übernimmt
Die Auflösung der Logistik-Standorte hat neben Effizienzüberlegungen auch viel zu tun mit Verlusten bei der Belieferung von Edeka, Rewe & Co in 2024 und in den kommenden Jahren. Intern rechnet die CCEP Deutschland für die Rote Flotte per Ende 2026 mit Verlusten beim Volumen von 23 % gegenüber 2023 – 16,25 Mio Kästen. Temporäre Zuwächse in diesem Jahr bei Rewes LHV-Gebieten, die auf dem Zettel von Splendid bis Ende 2024 gefahren werden, und ein Plus von 1 Mio Kästen durch die Übernahme von Liefergebieten von Fachgroßhändlern (Waldhoff, GMS, Trinks) machen das Kraut auf Dauer nicht fett.
Die zu erwartenden hohen Verluste resultieren vor allem aus folgenden Streckenschließungen:
- Bereits in diesem Jahr haben Edeka Nord (Mehrweg) und Edeka Südbayern (Einweg) von Strecken- auf Zentrallager-Belieferung bzw. Bezug über GFGH umgestellt. Volumenverluste: rund 3,3 Mio Kisten.
- Durch neue Mindestabnahme-Mengen und veränderte Rahmenlieferbedingungen wurde beim Außer-Haus-Markt weniger bestellt. Kunden mit niedrigen Stoppmengen wichen auf andere Bezugswege via GFGH aus. Volumenverlust: ca. 1,7 Mio Kisten.
- Für die Edeka Minden-Hannover stellt Coca-Cola laut INSIDERN zum 1.2.2025 das Streckengeschäft komplett ein. Einweg wird dann über die Zentralläger ausgeliefert, Mehrweg übernimmt der GFGH, DGL/Essmann und andere Lieferpartner. Vor allem die Schließung des Lagers Hohenschönhausen korreliert damit, auch der Personalabbau am Standort Achim. Wer auch immer Treiber dieses Deals war: Bei der Edeka Minden-Hannover feiert man ihn als eine der „größten Logistik-Veränderungen der letzten Jahre“. Volumenverlust für die Rote Flotte: rund 11 Mio Kisten.
- Die Übernahme von Rewe-Kunden (Splendid) glich in 2024 die Volumenverluste, die bei der Edeka Nord durch die Umstellung von MW auf Zentrallager entstanden sind, nur temporär aus. Ab Januar 2025 werden die Rewe-Kunden wieder über die LHV beliefert. Volumenverlust: 1,5 Mio Kisten.
- 2026 löst dann noch die Edeka Südbayern ihr Mehrweggeschäft von der Roten Flotte ab. Volumenverlust: eine knappe Mio Kisten. Nach gut 70 Mio Kisten in 2023 transportiert die Rote Flotte nach diesen Berechnungen 2026 nur noch knapp 55 Mio Kisten.
Logistik-Requiem: Aus 4 mach 3
Quer durch alle Standorte gibt es bei der CCEP Deutschland laut INSIDERN Überlegungen, Transport-, Distributions- und Expertenkompetenzen in einer zentralen Struktur in zwei Planungsregionen zu bündeln und die derzeit vier Logistikregionen in Deutschland zu Oktober 2025 auf dann drei einzudampfen. Unterm Strich wird dies bedeuten, dass die Logistikregion West aufgelöst wird und die Zuständigkeiten auf die anderen drei Regionen verteilt werden.
Historischer Tiefstand beim Personal
Bereits 2020 wurden die Coca-Cola-Standorte Ziesendorf, Hamburg, Münster, Kenn und Ramstein geschlossen, 2022 der Standort Hamm. Mit der aktuellen Restrukturierung dampft Coca-Cola sein Personal auf einen historischen Tiefstand ein: Innerhalb von 20 Jahren hat CCEP Deutschland seinen Mitarbeiterstand halbiert. Damals waren es noch von 12.000 – inklusive der seinerzeit vorhandenen, mittlerweile gekündigten Konzessionäre. Aktuell arbeiten noch 6.500 Mitarbeiter für die CCEP Deutschland, nach Ablauf der zwölfwöchigen Verhandlungsfrist werden es noch 6.000 sein. Viel weniger geht nicht. Mit Blick auf die dann noch verbliebenen Standorte und angesichts von Cokes Lieferproblemen warnen INSIDER ohnehin seit langem vor einem Kollaps.
Offenbar ein Mehrwegproblem: In Spanien und Portugal, wo die CCEP ein vergleichbares Volumen bewegt, kommt man mit weniger als 4.000 Leuten aus.
Neben den grandiosen Abfindungen muss die CCEP in Deutschland auch in die Technik investieren In Bad Neuenahr investierte der Konzern 15 Mio Euro, am Standort Dorsten wurde eine nigelnagelneue GEA-Anlage implementiert, bevor der lange vorbereitete Umzug aus Köln über die Bühnen gehen konnte (angeblich mussten eingeweihte Kunden und Mitarbeiter Monate vorher Vertraulichkeitsvereinbarungen unterzeichnen). Sinnigerweise wechselt die Kölner Standortleiterin Anja von Garrel nun auch nach Dorsten.
Artikel aus INSIDE 961
