Hamburg out of Stock: Abflug nach Pilsen

Stock Spirits schließt zwei Jahre nach der Übernahme von Borco Markenimport die Produktionsstätte am Winsbergring. Verlagert wird ins tschechische Pilsen. Das Grundstück gehört der ehemaligen Inhaber-Familie Matthiesen. 

In der Branche schockierte die Nachricht in dieser Woche. „Traurig!“ war der häufigste Kommentar. Gleichzeitig waren sich viele einig, dass der Schritt absehbar war. Die Nachricht an die Kunden verbreiten durfte Stock Spirits Deutschland-Direktor Nicolas Rampf Anfang dieser Woche. Der bemühte sich in seinem Schreiben zu beruhigen, so gut er konnte. An der kommerziellen Präsenz ändere sich nichts. Jeder dürfe ihn ansprechen. Tenor: alles nicht so schlimm. 

Rampf dürfte schon im Vorfeld mit einigen Top-Kunden gesprochen haben und weiß, dass die mit einigem nicht zufrieden sind. Nicht erst jetzt. Er hatte von Anfang an einen Knochenjob und das wird so bleiben für den ehemaligen Bacardi-Mann, dem als Co-Gf Luca Giordano – seines Zeichens Chief Operating Officer der Stock Gruppe, die ihren Hauptsitz in Polen hat – zur Seite gestellt wurde. Giordano gilt als Zahlenpurist durch und durch und harter Hund, der gern über Schmerzgrenzen hinweggeht. 

Geahnt haben INSIDER diesen Schritt wohl auch, weil die Familie Matthiesen das Grundstück am Winsbergring behalten hat. Daraus wurde zum Zeitpunkt der Übernahme ein großes Geheimnis gemacht und nie etwas bestätigt, aber auch nie dementiert auf Anfrage. Wohl aus gutem Grund. Noch im vergangenen Jahr gab es allerlei PR-Folklore, schöne Fotos mit Deutschland-Chef Rampf und den Mitarbeitern der Produktion. Währenddessen wurde eine ganze Riege von leitenden Mitarbeitern nach Hause geschickt. Stock-Konzern-Chef Jean-Christophe Coutures sang als Begleitmusik das hohe Lied auf seine Strategie der Mittelpreisigkeit, was er für die probatere Strategie hält als die Premiumisierung der großen internationalen Spirituosenkonzerne. Und er sagte offen, er brauche neue Köpfe. Aufzugeben scheint Coutures bisher nicht. Auch ihm schaut der Inhaber – der auch ziemlich zahlenfixierte Finanzinvestor CVC – auf die Finger. Und da gibt es wenig Erquickliches. 

Nielsen IQ weist nach ganz frischen Zahlen per Ende Juni im Vergleich zum Vorjahr für Stock Spirits Deutschland ein Absatzminus von 3,6% aus. Zwar verlieren nahezu alle Spirituosenanbieter, aber es gibt auch immerhin fünf Gewinner im Markt und darunter auch die aus Coutures-Sicht großen Spirituosenkonzerne – Brown Forman (+1%), Beam Suntory (+5,1%), Jägermeister (+0,3%), Schwarze & Schlichte mit satten 5,4% und Eggers & Franke (+1,5%). Aber nicht nur die Zahlen allein sind der Grund für den Schritt. INSIDER meinen, dass dies der Plan von Anfang an war. Die Ex-Borco-Marke Sierra kann gut in Pilsen abgefüllt werden. Finsbury-Gin auch. Offen ist, was mit Marken wie Helbing passiert. Die Hamburger Traditionsspirituose aus Pilsen? Darauf einen Becherovka.     

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