Mit einer perfiden Masche ziehen Unbekannte gutgläubigen Getränkehändlern aus ganz Deutschland das Geld aus der Tasche. Sie fälschen Insolvenzen, stehlen Identitäten renommierter Anwälte, bauen Fake-Webseiten, inszenieren Telefonzentralen.
Der Bitburger Rechtsanwalt Paul Hemmes befindet sich seit Jahren im Ruhestand. Trotzdem werden derzeit unter seinem Namen Mails an Getränkehändler in ganz Deutschland verschickt. Mails, in denen er als Insolvenzverwalter (der er früher einmal war) den Bestand des angeblich insolventen Bitburger GFGHs Getränke Berger (der dort angegebene Gf Matthias Berger, Jahrgang 1929, hat das Geschäft bereits 2008 an Cornelia Uhl veräußert) zum Verkauf anbietet – obwohl das Verfahren unter der Verwaltung von Rechtsanwältin Kathrin Hell, ebenfalls Bitburg, seit 2022 abgeschlossen ist.
Es ist Betrug im großen Stil. Internetkriminelle treiben ein perfides Spiel, klauen Identitäten von Anwälten wie die von Hemmes – aber auch solche, die noch nicht im Ruhestand sind. Auf Hochglanz polierte, mit Stockbildern garnierte, im Ausland gehostete Webseiten aus dem Wix-Baukasten samt falscher Steuernummer im Impressum und einer Telefonnummer, die zu einer professionell inszenierten Zentrale inklusive Assistenz führt, erwecken einen seriösen Eindruck. Bei Google rankt die gefälschte Hemmes-Webseite weit oben und ist sogar teils in Branchenbüchern wie 11880 gelistet.
Auch Gerichtsbeschlüsse sind gefälscht
Es ist bei weitem nicht der einzige Fall, von dem Fachgroßhändler berichten. Die Masche funktioniert so: Die angeblichen Insolvenzverwalter verschicken eine Mail mit gefälschten Insolvenzbeschluss und mutmaßlichem Warenbestand im Anhang an Getränkehändler in ganz Deutschland. Sowohl die Namen der angeblich insolventen Händler als auch die der Anwälte variieren in den Schreiben. Sobald die Masche mit einer der geklauten Identitäten aufgeflogen ist, nehmen die Betrüger die nächste an. Telefonnummern sind dann nicht mehr erreichbar, Webseiten down. Nachfragen der auf den Kosten sitzengebliebenen Händler verlaufen ins Nichts. Das Anschreiben in der Mail indessen ist im Wortlaut bis auf die Namen jedes Mal identisch.
Auch die Dokumente im Mail-Anhang sind gefälscht. Nur dem juristisch geschulten Auge fallen hier Ungereimtheiten auf – etwa im Briefkopf des mutmaßlichen Insolvenzbeschlusses oder beim Aktenzeichen: Im Fall Berger soll angeblich das Amtsgericht Bitburg, Senat 72, zuständig gewesen sein. In Bitburg gibt es aktuell aber nur sieben Richter.
Auffälliger verhält es sich oft beim angeblichen Insolvenzbestand. Hier wurde dann doch mancher Händler stutzig. Über 400 Flaschen Jack Daniels, knapp 300 Flaschen Jägermeister, über 200 Flaschen Moët & Chandon, knapp 600 Flaschen Belvedere Vodka, knapp 900 Flaschen Jim Beam – ganz schön viel Lagerbestand für einen insolventen Händler.
Klagen in ganz Deutschland
Hereingefallen auf die Masche ist so mancher Händler womöglich aus Gründen des limitierten Angebots und der Spottpreise, zu denen die Getränke angeblich verscherbelt werden. Dass die Ware nur in Vorkasse (zu verschiedenen Prozentsätzen, die Betrüger ließen sich nachvollziehbarerweise auf diverse Preisangebote ein) zu erwerben war, störte längst nicht alle. Ein Händler aus München soll INSIDERN zufolge gar eine sechsstellige Summer überwiesen haben. Wohl auf ein Bankkonto von Banking Circle. Eine Bank, die im Verdacht steht, Betrügern leichtes Spiel zu machen. Von der angeblichen Ware bekommen hat der Händler freilich nichts.
Mittlerweile sind zahlreiche Klagen in ganz Deutschland gegen die unbekannten Betrüger bei den Behörden eingegangen – von geschädigten Händlern wie von Anwälten, auch von Hemmes. Der Bundesverband GFGH sah sich genötigt, seine Mitglieder zu informieren. Und auch die Bitburger Braugruppe hat im Fall von Getränke Berger seine Kunden zur Vorsicht aufgerufen.
Artikel aus INSIDE 954

