Dieses Interview wurde in IF- INSIDE FUTURE 2025 #1 (Mai 2025) veröffentlicht.
In Obertrum bei Salzburg launcht der Spross einer langen klassischen Brauerdynastie, Josef „Seppi“ Sigl, einen in der Brauerei hergestellten Haferdrink. Den Transformationsprozess hält er für unumgänglich – aus einem tiefen Verständnis als Brauer heraus.
Josef Sigl VIII. steht in langer Familientradition der in Obertrum bei Salzburg ansässigen Trumer Privatbrauerei. Pilsbiere laufen dort unter dem Label Trumer, Sorten wie Märzen, Radler oder das Original als Obertrumer.
Seit zwei Jahren bringt der stets visionäre Seppi Sigl einen Hafertrunk unter dem Namen Sigl auf den Markt. Sein Motto: „Als Brauerei-Familie versuchen wir seit 1601, das Beste aus Getreide zu holen.“
Herr Sigl, viele Brauereien setzen in Zeiten rückläufiger Absatzzahlen auf alkoholfreie Biere und Cola-Mix-Getränke – nur Sie nicht. Warum?
Das stimmt so nicht: wir haben unser alkoholfreies Bier „Trumer Freispiel“ vor ein paar Jahren gelauncht und das entwickelt sich prächtig. Es schmeckt wie ein echtes Pils und ich stehe voll dahinter. Limonaden machen mir persönlich einfach keinen Spaß - Sirupe mit Wasser auszumischen reizt mich persönlich einfach nicht.
Auch nicht, wenn der Cashflow stimmt?
Natürlich gibt es Brauereien, die damit gutes Geld verdienen – das ist absolut okay und wichtig. Aber für alle, die jetzt neu einsteigen ins Limonadengeschäft, wird es meiner Einschätzung nach nicht leicht. Ich finde es spannend, andere Lebensmittel zu entwickeln, die mehr zu bieten haben…
… wie etwa den Haferdrink, den Sie seit zwei Jahren herstellen. Was macht diesen für Sie spannender als Cola-Mix-Getränke?
Wir brauen diesen Haferdrink mit jahrhundertealtem Bierbrauerwissen ein – so wie unsere Bierspezialitäten. Das ist meiner Meinung schon sehr spannend und hat uns auch Jahre an Tüftelei gekostet. Die Gerste bringt spannende sensorische Aspekte ein. Viele Haferdrinks schmecken nur süß, aber durch die Enzyme aus dem Gerstenmalz bekommen wir einen kräftigen Gerstengeschmack. Außerdem gibt es demnächst eine Barista-Version mit deutlich weniger Gerstenaroma, um den Geschmack an die speziellen Bedürfnisse der Gastronomie anzupassen.
Wo wird der Haferdrink in der Brauerei hergestellt?
Im selben Sudhaus wie das Bier. Der Hafer wird mit der Gabe von Gerste, die als natürliches Enzym dient, eingemaischt. Anschließend geht es aber nicht über den Läuterbottich. Dafür ist der Hafer zu klebrig. Stattdessen nutzen wir einen Dekanter, der die Feststoffe von der Flüssigkeit separiert. Der Dekanter ist das einzige Gerät, das wir uns für die Herstellung des Haferdrinks anschaffen mussten.
Demnach wären doch alle Brauereien prädestiniert, einen Haferdrink zu machen.
Brauer sind absolut prädestiniert, in diesem Segment mitzuspielen. Wir besitzen bereits alle Geräte und produzieren gewissermaßen als Bierbrauer ohnehin seit Jahrhunderten eine „Gerstenmilch“. Die Würze fürs Bier ist einer Hafermilch von heutzutage sehr ähnlich, wenn man mal Salz und Öl ausklammert. Für einen Haferdrink wären keine hochindustriellen Zulieferfirmen notwendig.
War diese Erkenntnis der Grund für den Sigl-Haferdrink?
Wir wollen uns zukünftig mehrere Standbeine aufbauen und uns diversifizieren – der Haferdrink ist ein Versuch und mir macht es Spaß, die Brauerei neu zu denken. Ich will etwas für eine bessere Zukunft beitragen und bin überzeugt, dass die Zukunft pflanzlicher sein muss.
Dabei sehen Sie sich mit einem mittelständischen Projekt im Wettbewerb mit multinationalen Giganten.
Klar, aber es muss qualitativ hochwertigere Alternativen zu den Produkten wie Oatly oder Alpro von den Mega-Konzernen geben. Im Bierbereich kommen wir von kleinen Strukturen, die im Laufe der Zeit von den Konzernen aufgekauft wurden. Die österreichische Bierlandschaft wird heute über 60% von Heineken dominiert. Bei Haferdrinks sehe ich den Weg andersherum. Bislang gibt es vor allem die Konzernmarken, die jetzt in der Nische mit Qualität gefüllt werden.
Der Haferdrink soll also ein weiteres Standbein werden…
… im besten Fall wird er das. Noch sind wir weit davon entfernt. Aber die Endausbaustufe ist die, dass Brauereien pflanzenbasierte Lebensmittelunternehmen sind – sie wissen es nur noch nicht.
Da werden sich einige fragen: Ist das nicht schon sehr weit weg von unserer Kernkompetenz?
Einige Brauereien werden auch weiterhin beim Bier, bei der Limo oder bei beidem bleiben. Aber ich bin davon überzeugt, dass sich die Stellung der Brauerei in der Gesellschaft ändern wird. Treber wird auch derzeit vorwiegend als Futtermittel für Tiere verwendet. Die direkte Verwertung für den menschlichen Genuss erachte ich aber als die sinnvollere Variante. Wir Bierbrauer sind seit eh und je vegan. Als ich zum ersten Mal gesehen habe, welche Bilanz ein Liter Haferdrink versus ein Liter Kuhmilch hat, war für mich klar, dass wir in dem Segment weitermachen müssen.
Warum setzen Sie beim Haferdrink dann nicht auf die bekannte Marke Trumer, sondern auf Sigl?
Die Verbraucher glauben sonst, dass sie Bier im Karton bekommen. Das wäre fatal und würde für große Verwirrung sorgen - das wollen wir so natürlich nicht.
Als nachhaltige Brauerei setzen Sie beim Gebinde auf Glasmehrweg. Der Haferdrink wird aber in Tetra Pak gefüllt. Wie passt das zusammen?
Wir können den Haferdrink leider aus hygienischen Gründen nicht in der Brauerei abfüllen. Deshalb übernimmt das für uns eine Molkerei.
Investments in Brauereien gelten in Deutschland derzeit als nicht gerade sexy. Wie überzeugen Sie Banken und Crowdinvestoren, Ihnen Geld zu geben?
Banken wollen natürlich immer auch Sicherheiten – die haben sie bekommen.
Das interessiert Crowd-Investoren aber erfahrungsgemäß wenig, und von denen haben Sie sich zuletzt auch eine Million Euro geliehen.
Bis vor ein paar Jahren habe ich immer gesagt. Es gibt kaum eine Branche, die so viel Vertrauen genießt wie Brauereien. Zumindest in Österreich. Die Leute haben hier noch einen regionalen und einen emotionalen Bezug zum Produkt. Bei unserem ersten Sonnenfunding (2020; 2022; Anm. D. Red.) haben wir gesehen, dass Menschen offen sind, in Dinge zu investieren, bei denen sie das Gefühl haben, dass sie sinnvoll sind. Ich muss allerdings auch sagen: Bei der Million, die wir im vergangenen Winter eingesammelt haben, haben wir die Frist um drei Monate verlängert. Vor einem Jahr wäre das noch schneller gegangen.
Worauf führen Sie das zurück?
In der jüngsten Zeit ist das Vertrauen der Menschen in vielen Bereichen verloren gegangen – kein Wunder bei der aktuellen Lage. Bei den Investoren herrscht Unsicherheit, sie sind vorsichtiger geworden.
Was bedeutet das generell für die Finanzierung von Unternehmen, die im Transformationsprozess stecken?
Man sollte natürlich erstmal seine Hausaufgaben erledigen und dann mit Weitblick das Unternehmen weiterentwickeln. Wir haben schon sei gut 15 Jahren Bio-Wärme aus Holz Hackschnitzeln. Mein Vater ist damals raus aus Erdöl. Und mittlerweile decken wir 80 Prozent unseres Strombedarf aus Eigenstrom aus Solarenergie.
Werden Sie eines Tages Bier und Hafer zu gleichen Teilen herstellen?
Das wäre durchaus spannend, aber der Weg ist momentan nicht einfach. Ich sehe unsere ersten Schritte immer als Aufbauarbeit. Für mich ist klar: Wir transformieren das Unternehmen weg von einer reinen Bierbrauerei. Der Haferdrink ist für mich das Trainingslager.
Interview: Holger Messner, Toni Greim
