KEG-Fässer: Showdown bei den Schlachtschiffen

Fassbier-Absatz der sechs großen Pils-Marken in Deutschalnd seit 2003 in hl/Jahr

Den Einbruch beim Fassbier zu Corona-Zeiten hat die Branche noch nicht verdaut. Von alten  Benchmarks sind Brauer wie Gastronomen weit entfernt – mit dramatischen Auswirkungen auf den Handel mit KEG-Fässern. 

2003 verkauften die sechs großen nationalen Pilsmarken Krombacher, Warsteiner, Bitburger, Veltins, Radeberger und Beck‘s zusammen 3,94 Mio hl Fassbier in Deutschland. Folgt man den INSIDE Biermarken-Hitlisten der vergangenen 20 Jahre, wird schmerzhaft deutlich: Den großen Knick aus 2020/21, als die Absätze ins Bodenlose stürzten (auf jeweils rund 1,2 Mio hl pro Jahr), holten die Brauer nicht wieder auf. 2023 liefen von den Big Six spärliche 2,18 Mio hl durch die deutschen Zapfhähne – bald nur noch die Hälfte der Menge von vor 20 Jahren.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die alte Pils-Herrlichkeit zugunsten einer breiteren Sortenvielfalt am Zapfhahn vorbei ist – schlechte Zeiten für das altgediente 50-Liter-KEG, dem auch von politischer Seite absehbar der Garaus gemacht wird. Längst haben die EU-Staaten Arbeitsethik vor Kommerz gestellt. In der Schweiz werden ohnehin fast nur noch 20-Liter-“Container“ verwendet. Belgien, die Niederlande und Luxemburg sind mit kleineren KEGs längst voran gegangen. Auch hierzulande (wo selbst schwere Mülleimer mittlerweile auf Rollen gestellt werden) geraten 50- und 30-Liter-KEGs unter Druck. Abgesehen davon, ob ihre Beförderung in wenigen Jahren überhaupt noch erlaubt ist: Womöglich findet sich bald  kein Fahrer mehr, der Lust hat, sie aus- und einzuladen.

Das billigste Gebinde wird ausrangiert

KEG-Fässer halten ewig: Nach diesem Mantra haben Hersteller wie Schäfer, Blefa/Franke oder Portinox Jahrzehnte lang den Markt geflutet. Das 50-Liter-Fass ist als Biergebinde dabei immer noch unschlagbar günstig. Bei einer Laufzeit von 30 Jahren und vier Umläufen/Jahr liegt der Verpackungsanteil pro halber Liter Bier bei 0,007 Euro, gemessen am Einkaufspreis. Rechnet man alle Serviceleistungen dazu, sind es am Ende ein paar Cent. Unschlagbar eigentlich – wenn da nicht der Markt mit seinen diversen Anforderungen wäre. Selbst Tankbier wird plötzlich sexy und steht in Deutschland vor einem Comeback  (INSIDE 941: “Tankbier vor Comeback”). Das Dilemma für den GFGH: Entweder bleibt er bei diesem Geschäft draußen vor. Oder er bleibt drin, muss aber in unterschiedlichste Technik investieren.

Zur BrauBeviale Ende November kursierten Gerüchte, wonach große Braukonzerne nicht mehr in große KEGs investieren werden. Das bestätigt sich bislang nicht; zudem lässt AB Inbev gerade erst ein Palettensystem für Half-Barrel-KEGs europäisch lizensieren, also für ziemlich große Fässer. In Deutschland ticken die Uhren indes anders. INSIDER berichteten unlängst von deutschen Exporteuren, die gefüllte 50 Liter-KEGs zu Einwegfass-Konditionen ins Ausland verhämmerten. Spekulierte die Branche zur schlimmsten Corona-Phase 2020/21 noch von einem ungenutzten Überhang von bis zu 50 Mio KEG-Fässern weltweit (INSIDE 882), relativiert sich diese Zahl mittlerweile – aber auch deshalb, weil viele Fässer bei Altmetallhändlern verschwunden sind. Indes drängen längst Formate auf den Markt, die den Poolgedanken normaler KEG-Fässer konterkarieren: Heinekens Plug-and-Pleasure System David für Gastronomieobjekte mit einer Umsatzmenge von weniger als 50 hl/Jahr und Carlsbergs Draught Master, das ebenfalls nur mit passenden Zapfanlagen genutzt werden kann. Die Dänen drehen damit in Deutschland angeblich schon 75.000 hl, ein formidabler Brocken. Die Deutsche Bahn indes streicht ab 2025 Fassbier aus dem Sortiment. Die Menge selbst ist marginal; als Zeichen ist es ein Puzzlestück mehr in einer immer diffuseren Fassbier-Welt (vgl. den Artikel aus diesem Heft: “Bahn wirft Fass über Bord”).

Strafzölle hin und her – und bald wieder?

Die von INSIDE vor zwei Wochen kolportierte Entscheidung des KHS-Managements, die Fertigung von KEG-Anlagen einzustellen (INSIDE 965: “KHS Till: Was ist los mit den KEG-Anlagen?”), steht erstmal in keinem erkennbaren Zusammenhang mit der Groß-KEG-Misere. Die Hersteller der KEG-Fässer befinden sich indes seit  Jahren auf einem Schleuderkurs. Mit bisweilen bizarren internationalen Auswüchsen. So belegte die US-Administration deutsche, mexikanische und chinesische Hersteller von KEG-Fässern mit sogenannten unfair-trade tariffs, Strafzöllen, bis sich mit Blefa/Franke 2019 jemand fand, der das marode US-Unternehmen American Keg mehrheitlich übernahm, den bis dato letzten verbliebenen Hersteller von KEG-Fässern in den Staaten. Ob man bei Blefa mit dem Zukauf je so richtig glücklich wurde, sei dahin gestellt. In den Folgejahren war jedenfalls wieder Ruhe an der Front, alldieweil die EU ihrerseits Strafzölle auf US-Produkte erhob. Das alles ist seit 2022 wieder Makulatur; damals verständigten sich EU und USA auf eine gegenseitige Aufhebung der Strafzölle zum 1. Januar 2022. Das Abkommen ist bis März 2025 verlängert worden. Donald Trump wird im Januar vereidigt. Man darf gespannt sein.

Auf KEG-Fässer aus China erhebt die EU bis heute sogenannte Anti-Dumping-Zölle in Höhe von 66%. Laut INSIDERN wird dieses allerdings immer wieder über ein Freihandelsabkommen mit Vietnam und Malaysia hintergangen, unlängst auch über Strohmänner in Albanien.

Wein und Limo aus dem Fass

Droht also weiteres Ungemach an der KEG-Front oder sind Alternativen in Sicht? Aus Handelskreisen heißt es mit Verweis auf den nach wie starken Weltmarkt bei Bier: „dann eben Export“. Innerhalb Deutschlands und der deutschen Absatzländer laufen Feldversuche für andere Fillings auf Hochtouren. Die Frankfurter Ebb&Flow Keg GmbH stattet Groß- und Kleingastronomie mit Wein in KEG-Fässern aus und tritt auch selbst als Caterer auf; mittlerweile werden auch immer mehr Premixes im Limonaden-/Energy-Segment für die Szenegastronomie in Fässern angeboten.

Dass Bier auch weiterhin frisch aus dem KEG gezapft wird, bezweifelt eigentlich niemand. Der Umstieg auf kleinere KEGs wird freilich Geld kosten – angefangen bei KEG-Abfüllern, die künftig schneller als bisher kleinere Fässern handeln müssen, über GFGH/GAM bis hin zum Gastwirt, der dann nicht mehr schwer schleppen muss. Nur eben öfter.

Share this article: