Lemonaid-Mitgründer Paul Bethke, 43, liebt die Freiheit. Gerade erst hat er seinen Wohnsitz nach Mount Lavinia in Sri Lanka verlegt. Die Geschäfte in Hamburg, wo er 90% an der LemonAid Beverages GmbH hält, laufen weiter. Arbeiten kann Bethke von überall. Das hat er auch früher schon gemacht. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum er den Auseinandersetzungen im beruflichen Alltag scheinbar mit einer gewissen Gelassenheit begegnet. Querelen gab es in der Vergangenheit viele. Doch kaum ein Disput erregte in der Öffentlichkeit so viel Aufsehen wie der absurde Zuckerstreit mit den Behörden. Die warfen Lemonaid vor, zu wenig Zucker zu enthalten, um als Limonade deklariert zu werden.
Jetzt hat Bethke gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Felix Langguth (43, hält 10% an der Gesellschaft) nach einer über fünfjährigen Debatte gewonnen. Die bisherige Regelung, die einen Mindestzuckergehalt von sieben Prozent für Limonaden vorschrieb, wurde aufgehoben. Die Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission (DLMBK) hat ihre Leitsätze für Erfrischungsgetränke aktualisiert. Laut einer Bekanntmachung im Bundesanzeiger müssen Limonaden nun lediglich "Zutaten zur Erzielung eines süßen Geschmacks (z. B. Zuckerarten, Süßungsmittel)" enthalten. Die genaue Menge bleibt offen.
Der Ursprung des Konflikts, in dessen Mittelpunkt Lemonaid stand, geht auf das Jahr 2019 zurück. Damals hatte das Fachamt für Verbraucherschutz in Hamburg beanstandet, Lemonaid Limette sei mit seinen 6g Zucker/100 ml nicht süß genug, um als Limonade zu gelten. Im Herbst 2020 schoss dann das städtische Amt für den Verbraucherschutz in Bonn gegen Lemonaid. Aus demselben Grund nur für eine andere Sorte: Die Maracuja-Limo enthalte weniger Zucker (5,5g) als für Limos vorgeschrieben, hieß es. In beiden Fällen gelang es Paul Bethke den kafkaesken Streit öffentlichkeitswirksam zu inszenieren. Der passionierte Surfer verstand es, die Welle der Empörung mit ordentlich Sarkasmus zu reiten.
An die damalige Ernährungsministerin gerichtet, schrieb Lemonaid: "Für uns nur mit chronischer Unterzuckerung von Ernährungsministerin Julia Klöckner zu erklären. Die gerade erst ihre 'Nationale Strategie zur Reduktion von Zucker und Fett' in Lebensmitteln vorlegte – und weniger Zucker in Drinks forderte. Wir tragen den Titel 'Saftladen' mit Stolz – in diesem Fall geben wir ihn aber gerne weiter, Frau Ministerin! Bevor auch wir saurer werden als erlaubt: Seid so süß und ändert die Richtlinie. Natürliche Lebensmittel mit wenig Zucker sollten nicht bestraft werden – sondern der Normalfall sein. Danke."
Zwischenzeitlich signalisierte die Politik ein Einlenken, die Leitsätze nach der "Süsstemkritik" (Lemonaid) für Erfrischungsgetränke anzupassen. Als lange nichts passierte und bei Lemonaid eine weitere Rüge - diesmal eben aus Bonn - hereinflatterte, setzte sich der kleine Hamburger Getränkehersteller erneut öffentlich zur Wehr. Diesmal ließ Bethke eine Julia-Klöckner-Statue aus Zucker vor dem Ernährungsministerium in Berlin aufstellen. Auf dem Sockel der Statue stand geschrieben: "Denk Mal - Ein Denkanstoß von Lemonaid für das süßeste Ministerium des Landes. Denn statt uns erneut wegen zu wenig Zucker in unserer Limo abzumahnen, wäre es doch viel raffinierter, den 7%-Mindestzuckergehalt in Limonaden zum Wohle unserer Gesundheit endlich abzuschaffen. Damit, Frau Klöckner, könnten sie sich dann ein echtes Denkmal setzen."
Nun ist das sozial engagierte Unternehmen Lemonaid, das vor allem in der Pandemie immer wieder Übernahmeangebote bekommen hat, tatsächlich am Ziel. Mit ihren geringer gezuckerten Limos brauchen sie keine Beanstandungen mehr zu fürchten. Wobei die Hamburger das ohnehin noch nie gemacht haben. Bethke und seinem kreativen Kommunikationsteam ist noch in jedem Konflikt eine süffisante Antwort eingefallen. So etwa auch 2018, als Lidl eine Eigenmarkenlimo in einem Gebinde in die Regale brachte, das den Lemonaid-Fläschchen zum Verwechseln ähnlich sah. Damals stichelte Lemonaid in einer Kampagne gegen den Discounter: " Klar, Lidl kann billig. Aber diese billige Tour hat uns dann doch überrascht!" In den sozialen Medien stellten die Hamburger die beiden Flaschen gegenüber. Über der Lemonaid-Flasche hieß es: "Finanziert soziale Projekte", über der Lidl-Kopie prangte "Finanziert einen Großkonzern".
Aus Sri Lanka, wo Bethke in seiner Zeit vor Lemonaid einst als Entwicklungshelfer arbeitete, wird er den heimischen Markt im Auge behalten. Auch für den Fall, dass erneut jemand seinem 2009 gegründeten Unternehmen quer kommt ...

