Oetker bindet Hoffmann an den Edeka-Mast

Eingeschmolzen: Mario Benedikt

Klare Pläne: Dr. Niels Lorenz

INSIDER rechnen mit deutlich über zehn Millionen Euro Einkaufsvorteil, die Hoffmann mit dem Wechsel zur Edeka erzielen kann. Doch hinter dem Fachmarkt-Hammer (INSIDE-Hot Shot vom 22.7.) verbirgt sich mehr. Oetker sieht einen unheilvollen Sturm auf alle Food-Hersteller zukommen – und will sich mit LEH-Kooperationen fest vertäuen.

Die Überraschung war groß. Auch wenn es Anzeichen gab: INSIDE-Leser konnten bereits vor zwei Monaten lesen, dass in der Radeberger-Hemisphäre darüber nachgedacht wird, die Top-Lieferanten der Fachmarkt-Tochter Getränke Hoffmann „von den Profis, z. B. vom DGL-Partner Edeka“ mitverhandeln zu lassen (Ausgabe Nr. 977). Nun ist die Katze aus dem Sack.

Getränkehersteller wurden kreidebleich, als letzten Dienstagnachmittag eine Mail des Bundeskartellamts aufploppte, in der sie um eine Stellungnahme und Einschätzung zur geplanten „Einkaufskooperation Edeka Hamburg und Getränke Hoffmann GmbH“ gebeten wurden. Die nationalen und internationalen Top-Lieferanten der Radeberger-Tochter Hoffmann sollen künftig von der Edeka mitverhandelt werden. Betroffen sind laut INSIDERN 50 bis 60 Unternehmen, die für rund 80% des Einkaufsvolumens stehen – darunter auch manch mittelständischer Brauer oder Brunnen, der das Pech hat, überregional tätig zu sein.

In einer am Tag darauf verschickten Pressemitteilung erklärt die Radeberger Gruppe bemerkenswert offen – ohne kartellrechtlich codiertes Kauderwelsch –, wie es so weit kam: Unter der Zwischenüberschrift „Gute Preise brauchen gute Konditionen“ lässt der Konzern Hoffmann-Geschäftsführer Mario Benedikt die Gründe erläutern:

Wir arbeiten in einem hochkompetitiven Wettbewerbsumfeld, in dem der Preis für eine Kiste Bier oder Mineralwasser immer mehr zum wesentlichen Hebel für Markterfolg wird. Gute Preise kann aber nur zeigen, wer auch wettbewerbsfähige Konditionen von seinen Lieferanten erhält. (…) Es ist kein Geheimnis, dass Lebensmitteleinzelhandel und Getränkefachmärkte ihre Waren teilweise zu unterschiedlichen Bedingungen einkaufen. Hier wollen wir mit der Kooperation mit Edeka ansetzen, um auch zukünftig konkurrenzfähige Preise zeigen zu können – und damit unserem Absatzkanal eine auskömmliche Perspektive zu erhalten.“

Für die betroffenen Hersteller ist die Botschaft bitter: Schon in den nächsten Jahresgesprächen werden ihre Hoffmann-Umsätze vom Einkauf in Hamburg mitverhandelt. Widerspruch zwecklos. Deutschlands größter Lebensmittelhändler Edeka hat seine Marktmacht in rücksichtslosen Verhandlungen für die mit Abstand niedrigsten Einkaufspreise und höchsten Konditionszahlungen genutzt. INSIDER vermuten, dass Hoffmann – mithin Deutschlands größte freie Fachmarktkette – pro Hektoliter vier bis fünf Euro mehr als die Edeka bezahlt, dazu kommen Konditionen in ähnlicher Größenordnung, die internationale Lieferanten wie AB Inbev, Coca-Cola oder PepsiCo von der Edeka-Dachgesellschaft Epic/Everest abgesaugt bekommen. Und das Volumen ist oftmals beachtlich: Getränke Hoffmann rangiert (hinter Edekas Trinkgut) mit 625 Mio Euro Umsatz auf Platz 2 der INSIDE-Fachmarkt-Hitliste.

Getränke-Bedeutung: 3 x Dohle/Hit

Dazu rechnen Edeka-Key Accounter mit weiteren Forderungen. Natürlich kein Hochzeitsbonus – der ist vom Kartellamt verboten. Stattdessen ein Zuschlag für die Umsatzsteigerung, einige Promille auf das gesamte Edeka-Volumen. Es wird richtig teuer.

Getränke stehen für ein Zehntel des Vollsortimentsumsatzes. Edekas Hoffmann-Integration entspricht in der Kategorie also einem sechs Milliarden Euro großen LEH (ca. dreimal Dohle/Hit). Widerstand des Kartellamts wird gleichwohl nicht erwartet.

Der Exit von Hoffmann aus der bisherigen Fachmarktwelt ist auch für die Konkurrenz ein Nackenschlag. Der größte ihrer Zunft zieht seine 570 Outlets ab und wandert unter den Einkaufsschirm der Edeka. Düpiert sind Benedikts langjährige Mitstreiter im Einkaufsring der Deutschen Getränkemärkte, denen er vom Edeka-Move beim letzten Meeting in Bad Vilbel im Juni noch kein Wort verriet. Am Ende des Jahres wird Getränke Hoffmann die Mitgliedschaft satzungsgemäß verlieren.

Zusammen mit Heurich, Orterer und Hol Ab! war Hoffmann kürzlich noch Teil einer „Aktivgruppe“ geworden, die als Antwort auf die selbstbewussten Forderungen der neu formierten Beverage Independence Group BIG von der Industrie mehr Zuneigung einforderte (INSIDE 965: „EKR ist bigger als BIG“). Der vermeintliche Startschuss für einen Einkaufsring 2.0 entpuppt sich jetzt als Rohrkrepierer. Der größte Mitstreiter hatte andere Pläne.

Außer dem Kartellamt muss die Radeberger Gruppe noch einige andere Klippen umschiffen – unter anderem in Köln, wo die Rewe angeblich schon CEO Guido Mockel einbestellt haben soll. In Frankfurt dürfte man über die empörte Reaktion nicht überrascht sein. Die Monolithen des LEH begreifen die Kooperation mit der jeweils anderen Seite als Affront. Als die Trinks-Gesellschafter die Hälfte ihrer Anteile an die Rewe veräußerten, forderte bekanntlich die Edeka Schmerzensgeld.

Mastermind Lorenz: If you can’t beat them, join them

Die Einkaufskooperation mit Hamburg ist nicht die erste Annäherung der Radeberger Gruppe an die Edeka. Im letzten Jahr hatte Markus Rütters, Chef der DGL, eine strategische Zusammenarbeit verkündet. Edeka (und Kaufland) hätten sich langfristig auf die Radeberger-Veltins-Tochter DGL als Streckenlieferanten festgelegt. Hinter dem Deal vermuteten INSIDER nicht nur Rütters, sondern auch das Mastermind des Konzerns: Dr. Niels Lorenz.

Der frühere Radeberger-Chef, später Beirat und Berater, trimmte die Gruppe in den letzten zehn Jahren auf Vertikalisierung. Die Hoffnung, dass sich die Abhängigkeit vom LEH tatsächlich verkleinern ließe, schwand zusehends. Stattdessen – so offenbar das Kalkül – soll nun umgekehrt mit Kooperationen eine gewisse Abhängigkeit des LEH entstehen. Am 1. Mai ist Lorenz in die Geschäftsführung der Oetker-Gruppe aufgerückt. An der Seite von Charly Oetker übernahm er vom abgetretenen Dr. Albert Christmann den Bereich Bier sowie das neue Ressort Plattformen und Ökosysteme. Der Weg scheint vorgezeichnet: Radeberger-Töchter könnten da als Labor für die gesamte Oetker-Welt dienen. Lorenz will die Gruppe über Kooperationen fest vertäuen, damit sie im unheilvollen Sturm, der auf die Markenhersteller zukommt, nicht von Bord rutscht.

Dünger für ein neues Ökosystem? – Flaschenpost außen vor

Ob man sich dabei immer an den Edeka-Mast binden muss, ist unklar. Beim jetzigen Hoffmann-Deal blieb Oetkers zweites Getränkehandels-Schwergewicht, Flaschenpost, schon mal außen vor. Stattdessen baut CEO Christopher Huesmann seine eigene Einkaufsstruktur weiter aus (siehe Seite 9). INSIDER sind in diesem Zusammenhang höchst gespannt, welche Lösung Superhirn Lorenz langfristig für das Projekt Flaschenpost vorsieht. Auch mit der Plattform Flaschenpost ließe sich ein neues Ökosystem erschließen.

Zwar herrscht laut Beobachtern in der weit verzweigten Oetker-Familie noch überwiegend die Meinung, dass der von Christmann und Lorenz forcierte 800-Millionen-Euro-schwere Kauf des Heimdienstes kein Fehler war, sondern die Gruppe strukturell vorangebracht habe. Doch schwarze Zahlen wären allmählich doch ganz nett.

Die ungewöhnliche Fachmarkt-Kooperation von Deutschlands größtem Bierhersteller mit Deutschlands größtem Lebensmittelhändler bezieht sich ausschließlich auf Hoffmann-Edeka. Eine Plattform à la Rewe/GVG ist nicht das Ziel. Und so bleibt auch der unlängst nach Berlin umgesiedelte Einkauf des Fachmarktarms von Team Beve­rage außen vor. Er wird künftig vom verbliebenen Hoffmann-Einkauf gesteuert, der sich auch weiterhin um die kleineren und regionalen Lieferanten kümmert.

Für die übrige GAM-Welt aber ist klar: Wenn das Bundeskartellamt grünes Licht gibt, kommt nach Marktführer Trinkgut auch Vize Hoffmann in den Genuss von Edekas Top-Konditionen. Egal, wie ihre vom LEH ausgehungerten Lieferanten auch jammern: Die freie Fachmarkt-Konkurrenz darf sich nicht abhängen lassen.

Share this article: