Outsider

Holger Messner

Lieber INSIDER,

der Sommer befindet sich auf der Zielgeraden. Die Rückmeldungen aus der Branche sind ernüchternd. Die Absätze blieben in weiten Teilen der Republik deutlich unter den Erwartungen. Vor allem der Juni sorgte für lange Gesichter. Ausnahmen gibt es natürlich auch. Aus Münchens gallischem Dorf Giesing meldet Bräu Steffen Marx stolz, dass der Juni und Juli „die stärksten Absatzmonate, die wir je hatten“ gewesen seien. Die Stehausschänke und auch das alkoholfreie Bier (Giesinger Freiheit) hätten daran offenbar einen gebührenden Anteil. Gegenüber Vorjahr stehe sein Giesinger Bräu aktuell bei Plus 30%. Eine Wucht, wenn auch von kleinem Niveau kommend. Bis Jahresende will Marx 25% über die Ziellinie retten, was die 40.000 hl in greifbare Nähe brächte, die für die neue Brauerei dringend erforderlich sind. Der Volumendruck betrifft freilich auch die längst abgeschriebenen Anlagen: in den oberen paar Prozent Absatz steckt der Ertrag oder eben auch nicht. In ersten Unternehmen gibt es Krisensitzungen (vgl. S. 20) und Trost.

Die übliche Reaktion des Handels auf sinkende Absätze ist ein alter Hut (s. INSIDE-Fundstück auf S. 13). Der Abstand zum Normalpreis steigt auf über 50%. Doch nicht nur, wenn die Kiste Bier fast günstiger zu bekommen ist als der Döner um die Ecke, vergeht den Brauern der Appetit: Es droht auch am anderen Ende des Preisspektrums Gefahr für Hersteller. Aus Berlin ist zu vernehmen, dass sich Getränke Hoffmann aktuell die Preisberater von Simon Kucher ins Haus geholt hat. Die sollen empfohlen haben, damit die Kategorie nicht gänzlich ihre Ertragskraft verliert, gängige Biersorten wie etwa Augustiner im Preis leicht zu senken, dafür aber teure Spezialitätenbiere noch teurer zu machen. Die Langsamdreher landen im Apothekenschrank.

Der Preis ist nicht nur beim Bier ein immer wieder kehrendes Thema im Fachhandel. Auch Coca-Cola erzürnt regelmäßig die Gemüter der Verleger. Die Konditionsschere zwischen LEH und GFGH ist gigantisch. Ab September gelten wieder neue Bruttopreise, die vom LEH aufgrund zahlreich gewährter Boni und Rabatte aber nicht umgesetzt werden. Gegen die ewige Benachteiligung des Getränkefachgroßhandels soll sich im Hintergrund nun laut INSIDERN organisierter Widerstand formieren. Was daraus wird, bleibt abzuwarten. Der Hamburger Getränkehändler P.A. von der Marwitz setzt auf eine andere Taktik. Er klärt die Verbraucher mit Videos in den sozialen Netzwerken über die Preis- und Konditionspolitik der Industrie auf. Daumen hoch und Likes sammelt er dabei bei vielen seiner Kollegen.

Ihr Outsider

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