Outsider: Willkommen auf der Titanic

Toni Greim

Lieber INSIDER,

super Stimmung, toller Ausblick und zur Untermalung Live-Musik beim Deutschen Brauertag in Berlin! Yuhuu! Willkommen auf der Titanic! Ich bin heute der Eisberg, der die Party crasht – auch weil sich wirklich niemand mehr (und ich spreche jetzt nicht nur von den Brauern) die Schwindel erregenden Absatzverluste bei alkoholhaltigen Getränken erklären kann (siehe INSIDE-Biermarken-Halbjahresbilanz ab Seite 6 ff). Winzer und Spirituosenhersteller kämpfen mit derselben Alkoholkonsumverdrossenheit wie die Brauereien. Deren Rendite dürfte mit den Volumenverlusten und den Kostensteigerungen im Jahr 2025 durchschnittlich negativ ausfallen – viel Trouble statt Vorfreude auf den Rest des Jahres.

Kiffen sich die Deutschen den Alkohol weg, seit es erlaubt ist? Spritzen sie sich mit den Pfunden auch noch die Lust auf das dritte Bier weg? Von Seiten Rabobank heißt es in einer Studie, die vermeintliche Gesundheitsbezogenheit der GenZ und ihre Nutzung sozialer Netzwerke sei als Erklärung ihres Alkoholverzichts überhitzt. Vielmehr investiere die GenZ den selben Anteil ihres Einkommens in Alkohol wie die Millenials, nur sei bei ihr das Einkommen geringer als früher.

Roland Berger wiederum sieht es genau anders rum und sagt: Eben wegen eines wachsenden Gesundheitsbewusstseins, einer abnehmenden gesellschaftlichen Toleranz gegenüber Alkohol und der Ausweitung alternativer Produkte ohne Alkohol wird der Markt für alkoholische Getränke bis 2030 aufgrund des Bevölkerungswachstums noch leicht wachsen – bevor er bis 2050 um bis zu 50% schrumpft. Wein wird die härtesten Einschläge einstecken müssen, Bier die größte Kategorie bleiben. Künftiges Favorite: Sommertänze ohne Dröhnung.

Was bei aller Not positiv stimmt: Die Berger-Zahlen stammen eben … von Berger, jenem erfolglosen Warsteiner-Sanierer und düsteren Bier-Apologeten, der schon Ende der 90er Jahre Überkapazitäten von 30% errechnet hatte und nur noch der Hälfte der damals vorhandenen Brauereien auf eine Existenzberechtigung bis 2010 einschwor (INSIDE 319). Ausgang: bekannt. Im Kern hatte Berger mit den brutalen Überkapazitäten natürlich Recht; die Branche hingegen erwies sich nicht nur dickschädelig bis zur Selbstaufgabe, sondern auch widersinnig resilient. Womöglich schreibt deshalb ein anderer Outsider hier in 30 Jahren: Et hätt noch emmer joot jejange. Darauf in aller Vorfreude schon jetzt ein herzliches: Prost!

Ihr Outsider

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