Outsider

Jonathan Ederer

Lieber INSIDER, 

die Alkoholsau wird mal wieder durchs Dorf getrieben. Die heute-show hat am vergangenen Freitag ein Spezial zum Thema Alkohol veröffentlicht – INSIDER erspähten ZDF-Kollege Fabian Köster bereits Ende Juni auf dem Brauertag in Berlin, wo er Lobbyvertretern auflauerte. Und die Wochenzeitung Die Zeit gibt einem Gesundheitsprofessor die Bühne, für den es ein handfester Skandal ist, dass die Kiste Bier in Deutschland teils unter 10 Euro kostet.

Solche medialen Hau-auf-den-Alk-Phasen gab es immer wieder, versichern mir meine Kollegen aus der INSIDE-Redaktion. Nichts Neues, sagen sie mir, dem 32-jährigen Rookie, der zwar gern mal ein, zwei Bier trinkt, jedoch weit davon entfernt ist, Nervengift zu glorifizieren. Die gesundheitlichen Risiken seien den Leuten immer bewusst gewesen und gesoffen hätten sie trotzdem. Das mag sein, aber jetzt tun viele das offensichtlich nicht mehr. So viele, dass der Absatzverlust schmerzt. Die Branche hat ein Alkoholproblem und mich wundert es, dass die Akteure das so gelassen hinnehmen.

Dass die Alkoholflaute aber kein reines Bierproblem ist und sich nur teils mit dem schlechten Wetter erklären lässt, untermauern jüngst veröffentlichte Zahlen zum Weinabsatz: Um 14% ist der im Vergleich zum Vorjahresmonat eingebrochen, im ersten Halbjahr entsprechend um 4%. Handel wie Gastro sind gleichermaßen betroffen. Endverbraucher sparen, warten auf Aktionsware, geben nicht mehr sieben Euro für die Flasche aus, sondern nur noch fünf.

Ähnlich wie beim Bier wächst beim Wein die Alkoholfrei-Sparte, wenngleich sie noch sehr schmal ist. Langsam in der Gastro, etwas schneller im Handel. Die Nachfrage liegt INSIDERN zufolge aber in jedem Fall deutlich höher als noch vor einem Jahr. Geschickt wäre Progressivität hier allemal. Gemäß der Devise und aus Biererfahrung sprechend: Alkfrei lieber früh salonfähig machen und später davon profitieren. Nachfrage gibt es ja schon.

Gründe gibt es viele, warum gerade jetzt weniger Alkohol getrunken wird. Allgemein rückläufiger Konsum, höheres Gesundheitsbewusstsein. Sicher ist, dass vor allem junge Menschen immer weniger alkoholische Getränke konsumieren. Eine sehr plausible Erklärung dafür liegt in der von den Jungen gelebten Unverbindlichkeit, die durch digitale Verabredungskanäle noch verstärkt wird: endloses Kneipensitzen versperrt die Option, in einer halben Stunde in einer vielleicht noch schöneren Lokalität zu sein. Mobilität benötigt klaren Kopf. Auch bei Strategen der Getränkeindustrie, die heute entscheiden müssen, was nächstes Jahr durch ihre Abfüllanlagen läuft.

Ihr Outsider

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