Henkell: Brokempers Meisterstück

Am Ziel: Andreas Brokemper

Gut Ding will Weile haben. Diese Alltagsweisheit hat Henkell in Wiesbaden als Teil der Oetker Collection der Brüder Ferdinand und Alfred Oetker Großes gebracht. Henkell besitzt nun 100% des katalanischen Cava-Produzenten Freixenet.

Über die Konditionen der Komplettübernahme wird wie beim ersten Schritt eisern geschwiegen. 2018 hatte Henkell den ersten Teil von Freixenet gekauft. In den Folgejahren hielten beide Firmen 50% der Anteile. Nun haben sich die Familie Ferrer und José Luis Bonet entschlossen, ihre Anteile abzugeben.

Die Geschichte mit Happy End für Henkell Freixenet ist eine Blaupause für gute Übernahmen. Die Wiesbadener, angetrieben von CEO Andreas Brokemper und seinem Team, waren geduldig, analytisch präzise und hartnäckig. Und sie ließen sich (in der Welt der Wirtschaft eine Ausnahme) die nötige Zeit. Andere Wettbewerber hatten längst aufgegeben. Es gab schon Jahre zuvor immer wieder Gebote. Sogar mehr als 900 Mio Euro sollen es gewesen sein, allerdings zu einer Zeit in der Freixenet richtig fette Gewinne schrieb. Nachdem der Gewinn geschrumpft war, lagen die Gebote laut spanischen Presseberichten zuletzt zwischen 550 und 600 Mio Euro für eine Komplettübernahme.

INSIDER sind sich sicher: Es war nicht nur das viele Oetker-Geld, das half. Die Wiesbadener nahmen sich die Zeit, das Geflecht der Familien und ihre auch innerhalb der Stämme oft unterschiedlichen Vorstellungen zu verstehen, blieben freundlich und ließen sich nicht abbringen, auch wenn es immer wieder hakte. So kamen sie nach einigen Jahren der Gespräche und Annäherung im Frühjahr 2018 an ihr erstes Zwischenziel. Unmittelbar vor der Düsseldorfer ProWein-Messe wurde der Vertrag fix gemacht. Brokemper und sein Team flogen danach direkt ein nach Düsseldorf. Sichtlich erleichtert, glücklich und erschöpft zugleich, vertraute Brokemper Branchenkollegen an, wie froh er sei, dass alles geklappt habe mit dem Termin beim Notar. Damals gab es drei Familienstämme, denen Freixenet mit damals rund 500 Mio Euro Umsatz gehörte. Mit 42% waren die Ferrers unter Führung von José Ferrer dabei, zu 29% die Bonets und die verbleibenden 29% besaßen die Ferrer-Hevias. Die Familie Ferrer blieb, die beiden anderen Stämme verabschiedeten sich mit Ausnahme von José Luis Bonet.

Nach weiteren acht Jahren ist Henkell nun da, wo es immer hingehen sollte. Seit 2. März besitzen die Wiesbadener Freixenet ganz. In der Zwischenzeit wachte Brokemper mit Jose Ferrer über alles. Die lange Zeit der Annäherung zahlte sich aus. Die beiden wirkten nicht nur aufgesetzt wie ein gutes Team. Freixenet, respektive die Familie Ferrer, macht viel in Wein, früher ein Teil der Firma Freixenet. Die Firma wurde quasi entkernt. Die Wiesbadener bekommen das, was sie wollten, den Schaumwein. Henkell war mit Freixenet zusammen schon zuvor die weltweite Nummer 1 in diesem Markt. Jetzt ist sie es amtlich und allein. Die Freude in Wiesbaden ist riesengroß. Doch es ist mitnichten Freixenet allein, die die Deutschen ganz nach oben gebracht haben in der Welt des Schaumweins. Dabei geholfen hat die frühere Übernahme des italienischen Prosecco-Herstellers Mionetto. Prosecco funktioniert in vielen Ländern anders als klassischer deutscher Sekt.

Das Schaumwein-Portfolio von Henkell ist reichhaltig. Die Ausgangsposition trotz Alkoholkrise gut. Der Cava-Markt litt 2024 drastisch, als wegen der Trockenheit die Ernte in der bedeutendsten katalonischen Weinregion Penedes für die Cava-Trauben daniederlag. 2025 gab es eine Erholung. Das zeigen auch die Marktforschungszahlen für Freixenet in Deutschland. Die Konsumenten, bei Spirituosen und Wein in den beiden vergangenen Jahren eher enthaltsam, gönnen sich nach wie vor Prickelndes nicht nur zum Fest. Wie die Wiesbadener durch das Jahr 2025 gekommen sind, daran wird derzeit noch gefeilt. Auch hier lassen sie sich Zeit. Und bis alles steht, wird geschwiegen.

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