Interview Alexander Scheidel: "Effizienz. Diversität. Hybrid."

Dieses Interview wurde in IF- INSIDE FUTURE 2025 #1 (Mai 2025) veröffentlicht.

Mit dem Trend zu alkoholfreien Produkten müssen Anlagenbauer umdenken. Für Steinecker definiert Alexander Scheidel die Zukunft.

Herr Scheidel, jetzt haben Sie jahrzehntelang ausgefeilte Sudhäuser gebaut – und nun trinken immer weniger Menschen Bier. Wie reagiert ein Konzern wie Krones darauf? Antizipieren Sie, womöglich gestützt auf die Auftragseingänge, kommende Generationen von Maschinen?

Alexander Scheidel: Wir nutzen unsere Kompetenzen und Erfahrungen aus dem Brauereibereich und wenden diese als Anlagenbauer mittlerweile auch über die Brauindustrie hinaus an. Hierzu entwickeln beziehungsweise adaptieren wir Technologien, die auch in anderen Märkten, wie beispielsweise der Haferdrink-Produktion genutzt werden. Unsere Anlagen und unser Engineering bieten eine gewisse Flexibilität und können an die Bedürfnisse unserer Kunden angepasst werden, die in neue, alternative Food-Märkte eintreten wollen.

Bedeutet das, dass die gleichen Anlagen für unterschiedliche Produkte genutzt werden können?

Teilweise gibt es da schon Überschneidungen und verschiedene Einsatzmöglichkeiten. Der Prozess der jeweiligen Kunden wird aber auf die spezifischen Bedürfnisse angepasst und ausgelegt. Bei Haferdrinks zum Beispiel ist der erste Schritt vergleichbar mit dem Maischen, jedoch müssen wir den Hafer anders verarbeiten als das traditionelle Malz für Bier. Die verfahrenstechnischen Grundoperationen sind dabei aber prinzipiell dieselben: Zerkleinern, Trennen, Fermentieren und so weiter. In Neuseeland haben wir eine kombinierte Brauanlage geliefert, mit der unser Kunde Haferdrinks und Bier produziert. Statt Gerstenmalz kam vorzerkleinerter Hafer ins Maischegefäß. Hafer hat keine eigenen Enzyme wie Malz, also müssen wir die Enzyme zusätzlich hinzufügen. Das ist je nach Kunde und je nach Rezept unterschiedlich, da brauchen Sie dann auch flexible Systeme. Nachdem wir den Hafer verarbeitet haben, geht die Hafersuspension durch einen Dekanter, um sie von den Feststoffen zu trennen – das funktioniert nicht wie bei Bier mit einem Läuterbottich.

Wie reagiert der Markt auf neue Trends, gerade in Bezug auf alkoholfreie Biere und alternative Produkte?

Die Nachfrage hat sich in den letzten Jahren geändert. Brauereien wollen nicht nur neue Bierlinien, sondern auch in den Markt für alkoholfreie Getränke oder sogar alternative Proteine einsteigen. Das bedeutet für uns als Anlagenbauer, dass wir die Kundenlösung in den Vordergrund stellen und anpassungsfähig sein müssen. Wir haben immer noch unsere klassischen Kunden im Brauereibereich, aber auch immer mehr Anfragen aus anderen Segmenten wie etwa der Biotechnologie oder der Lebensmittelerzeugung. Wir als Krones und als Steinecker und bauen auf maßgeschneiderte Anlagen. Es geht weniger um die einzelne Komponente, die wir ausliefern, sondern um die kundenspezifische Gesamtanlagen, die wir aus standardisierten Modulen oder Bauteilen engineeren. 

Welche Stellschrauben verbleiben dem getriebenen Anlagenbau, der ja sowieso schon auf Effizienz getrimmt ist?

Es wird immer darum gehen, die Effizienz noch weiter zu steigern, aus der bestehenden Anlagentechnik das Maximum rauszuholen und den Invest mit einem vernünftigen Umsatz wieder gegenzurechnen. Möglichkeiten sehen wir in der energetischen Effizienz und bei der Reststoffaufbereitung, wie zum Beispiel von Trebern oder Wasserrückgewinnungsanlagen. Der zweite Punkt ist die Produktdiversifizierung. Die Umstellung auf alkoholfreies Bier oder neue Getränkekonzepte wie Haferdrinks ist eine große Chance für uns. Zusätzlich liegt der Fokus auf der Gesamtperformance der Anlage, das heißt den Anlagennutzungsgrad, um Reinigungs- und Stillstandzeiten zu minimieren.

Der Trend zu alkoholfreien Bieren geht, wegen der unterschiedlichen technischen Möglichkeiten, womöglich an den Herstellern klassischer Entalkoholisierungsanlagen vorbei. Wo liegen aus technischer Sicht die Alternativen?

Unser Poseidon-System ist eine Lösung für die Herstellung von alkoholfreiem Bier mit dynamischer Fermentation. Wir setzen spezielle Hefen ein, die keinen Alkohol produzieren, wenn sie Sauerstoff erhalten. Diese Technologie kann in bestehende Fermenter integriert werden, wodurch der Kundenaufwand relativ gering bleibt. Wir haben schon erste Anlagen in Belgien und anderen Ländern verkauft.

Alexander Scheidel ist Head of Alternative Food Processing bei der Krones-Tochter Steinecker. In seiner Abteilung werden neue industrielle Lösungen für einen sich verändernden Markt entwickelt, u.a. der Steinecker Bioreaktor auf Basis des in der Brautechnologie erprobten Fermentationssystems Poseidon.

Interview: Toni Greim

Share this article: