Langstrecke Flaschenpost

Einkauf umgebaut: C. Huesmann

Zahlen sind Geheimsache. Doch laut INSIDERN könnte die Oetker-Tochter Flaschenpost noch in diesem Jahr die 500-Mio-Euro-Marke knacken. Dividende nach Bielefeld überweist der Lieferdienst freilich noch lange nicht. Im Gegenteil: Es muss weiter investiert werden. Nun ventiliert Oetker offenbar die Aufnahme eines Partners.

Trotz mancher Rückschläge hält Oetker-Boss Dr. Albert Christmann eisern an der Strategie fest, mit deren Erfolg sein Schicksal als Manager inzwischen eng verknüpft ist. Im Vertikalisierungs-Katechismus von Christmann und seinem Chef-Theoretiker Dr. Niels Lorenz spielt Flaschenpost die zentrale Rolle.

Im Bielefelder Familienkonzern herrscht ein im Vergleich zu Venture-Kapitalgebern stockkonservatives Klima. Hals über Kopf die Flucht zu ergreifen, wie die unglücklichen Investoren der Quick Commerce-Blase bei Getir, Gorillas und Konsorten, käme für Oetker nicht in Frage. Das Geschäftsmodell von Flaschenpost ist anders als das der hochgejazzten Schnelllieferdienste. Und Oetker verfolgt seine Ziele mit langem Atem.

Allerdings schauen die Bielefelder im Gegensatz zu Risikogeldgebern auch auf die operativen Kennziffern. Die Zeiten der unbegrenzten Burn-Rates sind lange vorbei. Flaschenpost-CEO Christopher Huesmann muss schwarzen Zahlen zumindest in Sichtweite bekommen. Auch zu lasten der Attraktivität. Getränkehändler registrieren beruhigt, dass Flaschenpost vom ursprünglichen Versprechen „Preise wie im Supermarkt“ inzwischen Abstand nimmt. Fast alle Artikel liegen heute oberhalb der üblichen Regalpreise und damit Lichtjahre von den Aktionshämmern des LEH entfernt.  

Um sich als Alternative zum stationären Handel zu etablieren, muss Oetker aber auch vier Jahre nach dem Kauf (im Jahr 2020 für 800 Mio Euro) weiteres Geld in den Lieferdienst stecken. In Preise. Und in Infrastruktur. Wettbewerber wie Rewe, Picnic/Edeka und Knuspr (die aktuell eine neue 170-Mio-Dollar-Spritze bekommen, S.14) machen es vor. Oetker aber, so wird in Bielefeld gemunkelt, möchte nicht mehr alleine zubuttern. Laut INSIDERN sind Christmann und Lorenz offen für weitere Investoren, nach dem Vorbild Coop Schweiz, bzw. deren Tochter Transgourmet im Joint-Venture FBS (Geva, Team Beverage).

Die Erweiterung des Sortiments um das übrige FMCG-Sortiment soll zwar von den inzwischen 1 Mio wiederkehrenden Flaschenpost-Kunden immer besser angenommen werden, ist aber im Handling teuer. Nur weniges wird von der Industrie direkt in die weiterhin 32 Flaschenpost-Hubs gefahren (der langgeplante Roll-Out in Stuttgart wurde aus Kostengründen wieder abgeblasen). Stattdessen wird FMCG von Bünting und seit kurzem im 235.000 qm großen Metro-Zentrallager in Marl abgewickelt. Fleisch und Wurst kommen vom Metro-Lager in Groß-Gerau. Ab 2025 will Metro Logistics täglich bis zu 1.000 Paletten täglich für Flaschenpost kommissionieren und umgeschlagen.

Potenzial sieht Huesmann offenbar auch im Einkauf. Dort wird mit Lieferanten neben Vermarktung und Preisen auch über Analysen, Retail Media und andere Datendienstleistungen verhandelt. Aktuell wird umgebaut: Der vor einem Jahr von Knuspr geholte FMCG-Einkäufer Jan Gerlach fiel durch und wurde „im gegenseitigen Einvernehmen“ vom Hof geschickt. Stattdessen setzt Huesmann auf Erfahrung und zieht Getränke-Einkäufer Lars Junker an die Spitze. An ihn berichten nun neben Timo Franke (AfG), Max Härle (Wein, Sekt, Sprit, Saft) und Felix Heltzel (Bier), auch Sigurd Gabriel (Mopro, Fleisch), Rene Seitz-Eckbauer (TK), Leandra Comment (Drogerie, Trocken) und Paul Geißler (Frische).    

Artikel aus INSIDE 954

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