Unbeirrbar hält die Oetker-Gruppe an ihrer teuren Vertikalisierungs-Strategie fest. Nun entschwindet CEO Christmann in den Beirat. Kommt jetzt eine Kurskorrektur? Wohl eher nicht.
Die Überraschung war groß. Bis hinunter in die letzte Kapillare von Radebergers GFGH-Organisation wird gerätselt, welche Folgen der frühe Abflug von Dr. AlbertChristmann, 62, in den Beirat der Oetker-Gruppe nach sich zieht. Christmann, zuvor Chef der Radeberger Gruppe, trat 2013 die Nachfolge von Oetkers Finanz-Eminenz Ernst Schroeder an. Ende 2016, als Richard Oetker mit 65 satzungsgemäß das Feld räumte, rückte er als erster familienfremder CEO an die Spitze. Nun folgt er Richard ein weiteres Mal. Der 74-jährige Oetker kehrt gesundheitsbedingt nicht in den Beirat zurück, womit eine Respektsperson im von Generation zu Generation vielköpfiger werdenden Gesellschafterkreis verloren geht. Hier soll Christmann die Lücke schließen.
An seiner Autorität wird überwiegend wenig gezweifelt. Christmann managte nach dem Verkauf der Schiffsparte die Abspaltung von Henkell-Freixenet, Hotels und Immobilen an die Geschwister Oetker Beteiligungen (Alfred, Carl Ferdinand und Julia Oetker), und investierte im verbliebenen Teil (Oetker Nahrungsmittel, Radeberger) viel in Digitales und Vertikales. Dadurch vergrößerte sich die Angriffsfläche. Die 800 Mio Euro teure Flaschenpost liefert trotz striktem Kostenmanagement kein Geld ab, auch in die Vertikalisierung der Radeberger Gruppe ist in GFGH- und Fachmarktkäufe viel Geld (ab-) geflossen.
Doch die neue Gruppenleitung steht nicht für einen Kurswechsel. Carl „Charly“ Oetker, 42, saß (zuletzt als Einkaufsleiter) lange auf Christmanns Schoß, soll nun Nahrungsmittel, M&A, sowie Kommunikation übernehmen. Für Bier, und das neue Ressort „Plattformen und Ökosysteme“ kehrt Christmanns langjähriger enger Vertrauter Dr. Niels Lorenz auf die operative Bühne zurück. Der heute 53-Jährige hatte seinen Posten als Radeberger-Boss 2020 an Guido Mockel gereicht, blieb aber als Spin Doctor im Oetker’schen Dunstkreis. Strategische Deals, wie zuletzt der Pakt zwischen DGL, Edeka und Kaufland, tragen Lorenz‘ Handschrift. Von seiner Ernennung geht die Botschaft aus, dass Christmanns Agenda fortgesetzt wird. Lorenz könnte nun auch im Nahrungsmittel-Bereich versuchen, die Vertikalisierung voranzutreiben, um der Abhängigkeit vom LEH zu entkommen. Dabei sind die Methoden vielfältig. Oetker will nicht nur über Zukäufe gestalten. „Plattformen und Ökosysteme“ beinhaltet auch kreative Bündnisse und Verflechtungen.
