Alles auf Anfang: Projekt Viechtach ade?

Die Partnerschaft sollte ein schickes Vorzeigeprojekt für den Hopfen-Krösus BarthHaas werden. Crowdinvestoren pumpten 500.000 Euro in das Haus. Nun regiert der Insolvenzverwalter bei der Gesellschaftsbrauerei Viechtach. Nur einer übt sich noch in Zweckoptimismus: Hauptgesellschafter Markus Grüsser.

2018 hatten INSIDER schon einmal das sehr intensive Gefühl, dass die ruhigen Zeiten im niederbayerischen Viechtach erst mal vorbei sein würden. Im zarten Alter von 86 Jahren wollte Mehrheitseigner Michael Bielmeier zusammen mit seiner Co-Gesellschafterin Rosemarie Kosina die seinerzeit 8.000 hl Bier und 5.000 hl AfG große Brauerei doch mal verkaufen. Abenteurer wie der frühere Doemensianer Gerhard Stanglmayr, der nicht minder illustre Nürnberger Weinverkäufer Lutz Quester, ein Berater aus Schwandorf und der umtriebige Hofmark-Chef Burkhard Cording sahen sich allesamt schon durch die Ziellinie laufen, wurden kurz davor aber allesamt vom früheren Geins-Hainichen-Statthalter Markus Grüsser weggegrätscht, der sich dafür noch mit dem Anwalt Dr. Christian Reidel und der Ortenburger Gastronomin Martina Holzeder munitioniert hatte. Ein Zweckbündnis, wie sich später herausstellte, jedenfalls für Grüsser. Reidel und Holzeder waren relativ bald Geschichte, Grüsser konnte alleine durchregieren. Nur Geld fehlte an allen Ecken und Enden.

„Mit erheblichen Risiken verbunden“

Die an sich schmucke Gesellschaftsbrauerei Viechtach litt von Anfang an unter massivem Investitionsstau, was Markus Grüsser keine drei Jahre nach der Übernahme zu einem folgenschweren Schritt bewog: Via Seedmatch, einer Plattform für Menschen, die per Crowdfunding Projekte unterstützen, an die sie aus welchen Gründen auch immer glauben, schnorrte er binnen einer Woche noch in der Early Bird-Phase 500.000 Euro zusammen – auch weil er dafür lauter trommelte als die Viechtacher Stadtkapelle beim Bürgerfest. Ein via Bafin, Kleinanlegerschutzgesetz und Finanzvermögensverordnung im Vorfeld dreifach durchgespültes Versprechen, das partiarischen Nachrangdarlehen wie diesen anhaftet: eine Exit-Beteiligung oder ein erfolgsabhängiger Bonuszins bei Vertragsende, gewinnabhängige, jährliche Bonuszinsen, sobald der Break-even erreicht wird, und eine endfällige Basisverzinsung von 1% p. a.

Und wie es gemäß § 12 ABs. 2 Vermögensanlagengesetz auch noch hieß: „Der Erwerb dieser Vermögensanlage ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust“ des eingesetzten Invests führen. Ein Hinweis, den Investoren besser mal öfter verinnerlichen sollten. Am Ende zählt wie immer der Glaube an die Idee. Und der ist in Viechtach derzeit recht volatil.

Immer neue Geschäftsmodelle

Auch nach der Seedmatch-Kampagne feilte Grüsser weiter an Geschäftsmodellen, die der Brauerei Liquidität verschaffen sollten. Spätestens seit Anfang 2022 ventilierte er Pläne einer AG, in die er die mit AfG rund 16.000 hl große Brauerei überführen wollte. Zumindest von Seiten des umtriebigen Inhabers fiel dabei immer wieder der Name des Dosenlobbyisten und Ex-Carlsberg Deutschland-Chefs Wolfgang Burgard als Referenz für einen künftigen Aufsichtsrat. Mit Burgard war Grüsser bei seiner Berliner Getränke Zukunft (mit Berliner Bärenbräu) verbandelt.

Später klang der Plan so: Mit dem Inhaber des Geothermie-Unternehmens Kemco, Julio Kemenyfy, sollte ein potenter Investor 25 % an der künftigen AG übernehmen, an der Grüsser freilich die Mehrheit behalten hätte sollen (der Rest der Aktien in Streubesitz). Das von INSIDERN aus der Branche als eher „steil“ bezeichnete Geschäftsmodell beruhte auf einer speziellen Bewertung des Unternehmens. Aus der AG wurde bis heute nichts; an der GmbH soll Kemenyfy indes mehrheitlich interessiert gewesen sein, womöglich divergierten aber die Vorstellungen der Teilhaber. Als Grüsser letzte Woche beim AG Deggendorf die Eröffnung des Insolvenzverfahrens beantragte, begründete er den Schritt später mit einer nicht eingelösten Finanzierungszusage.

Provokation mit Provoak

2021 war es auch, als M. Grüsser jubelte, dass „BarthHaas als weltweit agierender Hopfenexperte sich für ihr Coming-out beim Endverbraucher die Gesellschaftsbrauerei Viechtach ausgesucht hat“. Fortan prangte das BarthHaas-Logo auf jeder Bottle der Niederbayern, erst auf dem kaltgehopften Viechtacher Frühlingsgenuss, später auch auf der Wilde Wald. Das feine Bouquet aus Latschenkiefer und Eichenfass verdankte das Bier Hopfenpellets der Sorte Provoak, bei denen dem Naturprodukt Hopfen auch Holzmehl beigemischt wurde – eine mit Blick aufs Reinheitsgebot eher sportliche Angelegenheit. Mittlerweile findet sich auf der deutschen Website des Hopfenhändlers Provoak nicht mehr; intern heißt es, die aktive Vermarktung sei wegen mangelnden Erfolgs wieder eingestellt worden. Den Wilden Wald gibt es in einer neuen Auflage allerdings immer noch – Provoak lässt sich offenbar immer noch auf dem außerdeutschen Markt erwerben.

Schon bitter: 2017 war Markus Grüsser unter fadenscheinigen Gründen als Gf der Klosterkammer Hannover-Betriebe Cellerar GmbH und Kloster Wöltingerode Brennen und Brauen GmbH abgesetzt worden (INSIDE 789). Begründung damals: angeblich Holzschnitzel in einem damit falsch deklarierte Craftbier. Jetzt muss er aber wirklich dicke Bretter bohren, wenn er die Brauerei noch retten will.

Artikel aus INSIDE 954

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