Hopfenzyklus 2.0: Warten, bis der Nachbar rodet?

Nach dem großen Preisverfall – samt eingestampfter Hopfenernte – zu Ende der 90er laborieren die Hopfenbauern wieder an vollen Lagern und desaströsen Preisen. Und gründen in der Hallertau einen Bewässerungsverband. Womöglich, um einem neuen Schweinezyklus vorzubeugen, für den es erste Anzeichen gibt.

17.000 ha Hopfenanbaufläche gab es 2024 in der Hallertau, 20.300 ha insgesamt in Deutschland. Mit Blick auf die bodenlosen Abverkäufe der Ernte 2024 halten Experten eine Reduktion der Flächen um bis zu 2.000 ha allein in Deutschland für geboten. In den USA mit ihren rund 18.600 ha Anbaufläche müssten mindestens so viele Flächen wegfallen, um das gravierende weltweite Überangebot an Hopfen (speziell die Aromasorten Perle und Tradition) zu beseitigen. Nur: Wer fängt an?

Aus Kreisen der Hopfenwirtschaft und der Hopfenbauern heißt es: Der Markt wird es regeln. Viele, die ohnehin aufhören wollen, werden es womöglich früher tun als geplant; Andere werden die Preise nicht mehr mitgehen können. Es ist eine diffuse Gemengelage: Die meisten Hopfenbauern könnten laut INSIDERN dank langfristiger Verträge die Ernte 2025 noch halbwegs schadlos überstehen, danach droht aber der Absturz ins Bodenlose. Einen Vorgeschmack lieferte schon Ende 2024 der Spotmarkt für letztjährige Erntevolumina. Da lag die Anzahlung auf überschüssige Aromasorten – im Prinzip die Resterampe der Hopfenbauern – bei nur noch 1 Euro/Kilo Rohhopfen ab Hof. Zum Vergleich: Nach der Ernte 2022 waren es rund 10 Euro/Kilo, nach 2023 noch 4,50 Euro/Kilo. Nicht nur für den Gf der Hopfenpflanzer, Erich Lehmair, eine katastrophale Situation, die nicht einmal die Herstellungskosten abbildet.

Der Preis bei Vorverträgen liegt in solchen Fällen bisweilen noch sechs- bis siebenmal so hoch. Mit dem Verfall der Craftbier-Szene sind Aromahopfen weltweit ins Hintertreffen geraten. Und dann sparen sich Brauer, die statt IPA jetzt lieber Hellbier produzieren, auch noch Hopfen per se – bei sinkenden Absätzen und vollen Lagern. Die hatten sie sich zur Corona-Zeit angelegt, als fraglich war, ob es (wegen der ausländischen Saisonarbeiter) Ernten geben und ob die internationalen Lieferwege infolge der Containerknappheit überhaupt funktionieren würden.

Spätestens im Herbst werden bei vielen Hopfenbauern, den Händlern und ihren Industriepartnern die Karten neu gemischt. Auf Basis der Erntemengen von 2024 kein gutes Omen für die Produzenten. Der Markt ist volatil: Eine schlechte Ernte wie die aus 2022 kann das Pendel schnell umschlagen lassen. Und dann weiß niemand, wie ernst es den Hopfenbauern mit der Stilllegung, Verpachtung oder Teilnutzung von Hopfengärten ist. INSIDER aus Handelskreisen berichten, dass dort schon erste Szenarien einer plötzlichen Unterversorgung in 2026 und den Folgejahren durchgespielt werden – solche eines Schweinezyklus‘.

Beim Handel kann nicht jeder so wie Branchen-Primus BarthHaas Hopfenprodukte für/über den Brauerei-Bedarf hinaus entwickeln und Risiken minimieren. Nach Bifenazat-Alarm im Frühjahr 2024 (INSIDE 945) und dem Trouble um den Fungizidwirkstoff Dimethomorph (INSIDE 952, vorläufig an die EU zurückverwiesen) der nächste dicke Brocken für Händler, die zudem fürchten, dass vertragsgebundene Brauer bei vollen Lagern auf Zeit spielen.

Wasser marsch – nur wann? Und für wen?

Auf den ersten Blick irritierend: Ausgerechnet jetzt haben 420 Hopfenbauern aus der Hallertau einen Bewässerungsverband gegründet, der Hopfenbetriebe in den Landkreisen Eichstätt, Freising, Kelheim, Landshut sowie Pfaffenhofen und Neuburg-Schrobenhausen künftig resistenter gegen die Klimaveränderung machen und ergo die Ernte sicherstellen soll. Wer am Ende zu welchem Preis an den Kosten beteiligt wird, soll sich erst nach der derzeitigen Planungsphase erweisen – und wenn feststeht, wer nach diversen Flächenstilllegungen noch übrig geblieben ist. Verbandsvorsteher ist nach der 1. Mitgliederversammlung im März der aus einem Hallertauer Hopfenbaubetrieb stammende Dr. Johannes Stampfl, neben Dr. Erich Lehmair (als Nachfolger von Dr. Johann Pichlmaier) und Carlos Ruiz hauptamtlicher Vorstand der Hopfenverwertungsgenossenschaft (HVG). Man verfolgt mit der Gründung des Bewässerungsverbandes die Devise „besser weniger und das Wenige besser“.

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