Beim Freisinger Hofbrauhaus stehen die Zeichen auf Sturm. Die Rosskur unter Führung von Beirat C. Lippert ist vollzogen, ohne Partner (alias Käufer) sieht Inhaber Erbgraf Ignaz zu Toerring-Jettenbach trotzdem wenig Perspektive. Berater fahnden nach Investoren, doch Interessenten sind rar.
Ein 80 Seiten dicker Prospekt der Mannheimer IMAP M&A Consultants AG wurde per Datenraum in den letzten Wochen potenziellen Investoren zur Einsicht vorgelegt – ohne Preisschild, dafür mit konkreten Absatz- und eher verwegenen Perspektivkennzahlen. Die Bierabsätze der fünf Marken HB Freising (knapp 30.000 hl), Huber (20.000 hl), Graf Toerring (8.000 hl), Moy (7.000 hl) und Graf Ignaz (2.000 hl) summieren sich auf 67.000 hl, hinzu kommen 2.000 hl alkoholfreie Biere und rund 15.000 hl Limonaden (Karibik) und Wasser aus der hauseigenen Graf Toerring Freisinger Mineralquelle. Das soll nur der Anfang blühender Landschaften sein: Der Prospekt der u.a. auch beim Verkauf der Pfungstädter Brauerei involvierten IMAP (INSIDE 828) verspricht einen möglichen Aufstieg auf 150.000 hl und perspektivisch Wasserkapazitäten von bis zu 400.000 hl. Und auch beim Einkaufsbummel selbst darf der Kunde wählerisch sein: pachten oder kaufen, nur der Braubetrieb oder gleich das ganze Paket (Immobilien und Grundstücke gehören Ignaz Graf zu Toerring-Jettenbach) mit der Option partieller Wohnbebauung.
Kleiner Schönheitsfehler: Die Sanierung des Hauses (u.a. wurde ein knallhartes Preis- und Konditionssystem ohne Rücksicht auf drastische Absatzverluste installiert) ist vor Vollendung steckengeblieben, auch wenn der seit drei Jahren amtierende Beiratsvorsitzende, Ex-Verleger Claus Lippert den in 2023 aufgelaufenen Fehlbetrag zuletzt halbieren konnte. Bilanz 2023 laut Bundesanzeiger: Jahresfehlbetrag knapp zwei Mio Euro, aufgelaufener Bilanzverlust 3,1 Mio Euro. Das Rohergebnis brach innerhalb eines Jahres von 11,1 auf 7,7 Mio Euro ein.
Ein Debakel, das man auch dem Ende 2002 geschassten Geschäftsführer und Distelhäuser-Urgestein Jürgen Charrois anlastete, obwohl der 2022 das Rohergebnis in Freising um 1,5 Mio Euro verbessert und sogar einen kleinen Überschuss erwirtschaftet hatte. Auf Charrois (mittlerweile Gf bei Leikeim) folgte Michael Metz, der wiederum schnell wieder abserviert wurde, nachdem im September 2024 Oliver Lentz verpflichtet wurde, zuvor Gf König Ludwig Schlossbrauerei. Oben drüber turnt bis Ende Juni Claus Lippert, der Mitte 2019 seinen gut 100 Mio Euro Umsatz großen GFGH an die Radeberger Gruppe verkaufte (INSIDE 828) – was dann, als er in Freising auftauchte, sofort Gerüchte befeuerte, er, Lippert, könnte die Braut hübsch machen für eine Übernahme durch eben: Radeberger. Was aber nie geschah und dem Vernehmen nach auch nie geschehen wird.
Interessenten aus der Brauindustrie winken ab
1998 hatten Hans Veit Graf zu Toerring-Jettenbach und sein seinerzeit noch juveniler Sohn Ignaz Graf zu Toerring-Jettenbach ihr aus den Betriebsstätten Jettenbach und Pörnbach bestehendes 120.000 hl-Braukonglomerat Toerring durch den Zukauf von 180.000 hl Huber Weisse,Hofbräuhaus hell, Moy u.a., aber auch durch 100.000 hl AfG (vor allem Karibik) auf einen Schlag auf 400.000 hl vergrößert (INSIDE 326). Verkäufer war seinerzeit Guy Graf von Moy. Seitdem bündelt Erbgraf Ignaz (der 2004 applaudiert vom europäischen Hochadel in Madrid die „Pellegrino-Prinzessin“ Robinia Mentasti-Granelli heiratete) alle Brauaktivitäten in Freising. Letzter Zuerwerb war 2018 das Brauhaus Pfaffenhofen (INSIDE 816). Da waren Jettenbach und Pörnbach schon Geschichte, ebenso die früheren Standorte Schlossbrauerei Haag und die Gräfl. von Moysche Brauerei Stepperg.
Die IMAP-Leute tun sich schwer. Echtes Interesse für die technisch leistungsstarke Brauerei im Speckgürtel von Kaufkraft-Paradies München, die stolze zwei Drittel ihres Absatzes in der Gastro dreht, lässt sich nicht entfachen. Nach Kapazität, die sich laut Prospekt für 17 Mio Euro auf 400.000 hl ausbauen ließe, dürstet es auch in Bayern keinen. Für die Großen wie Radeberger oder Paulaner ist Freising zu klein, und für die anderen viel zu groß. Der Graf braucht einen kreativen Quereinsteiger. Vielleicht ja aus dem Handel.

