Seit Jahren hält sich das Gerücht, Nestlé wolle seine Wassersparte verkaufen. Jetzt hat der Konzern eine Bank damit beauftragt, Investoren zu finden. Erste Gespräche laufen. Nestlé will wohl eine zehnstellige Summe für Perrier und Co. Und während der Pansch-Skandal über Nestlés illegaler Behandlung von französischem Mineralwasser weiter kocht, lautet hierzulande die große Frage: Wo landet San Pellegrino?
Einen hohen Stellenwert wie unter dem legendären Ex-Konzernchef Helmut Maucher hatte das Wassergeschäft schon lange nicht mehr. Dennoch kam es für Wettbewerber höchst überraschend, als Nestlé Waters 2022 seinen damals 140 Mio Liter starken Volumenbringer Vittel vom deutschen Wassermarkt tilgte. Ein Jahr später folgte das Aus von Perrier.
Polit-Skandal Wasser
Eine Erklärung für den abrupten Rückzug folgte im Februar 2024, als französische Medien aufdeckten, dass der Konzern an den Standorten Perrier, Hépar und Contrex Quell- und auch Mineralwasser mit Aktivkohle und UV-Strahlen desinfiziert hatte. Mit europäischen Richtlinien ist das nicht vereinbar – wurde Vittel, dessen Volumen zuletzt arg abhängig war von Discounter Lidl, deshalb in Deutschland gekillt? Ende 2024 wurden dann Bakterien an der Perrier-Quelle in Vergèze entdeckt. Zog Nestlé auch hier vorsorglich den Stecker?
Auch Edeka-Lieferant Sources Alma ist in den Skandal verwickelt. Alma und auch Nestlé hatte die Verbraucherorganisation Foodwatch vergangenes Jahr verklagt und die EU-Kommission überzeugt, von französischen Behörden eine Erklärung zu verlangen. Und so ist der Wasserskandal inzwischen politisch. Jüngst war die Angelegenheit Gegenstand im französischen Senat. In der Sitzung kritisiert wurde nicht nur die Intransparenz von Nestlé. Jetzt wird auch dem französischen Staat vorgeworfen, die Sache vor der EU vertuscht zu haben.
Gespräche mit Investmentgesellschaften laufen, Nestlé will Minderheitsbeteiligung
Als der neue Nestlé-Chef Laurent FreixeEnde 2024 die Uhren zurückdrehte, die Wassersparte ausgliederte und Muriel Lienau als globale Wasser-Chefin installierte, deuteten INSIDER das als Zeichen, dass der Konzern tatsächlich bald komplett Abschied nehmen könnte vom Wasser. Dass der Lebensmittelkonzern nun die Rothschild-Bank damit beauftragt hat, für Nestlé Waters noch in diesem Jahr einen Investor zu finden, kommt also wenig überraschend.
Nestlé Waters, 1992 gegründet, ist Aussagen des Konzerns zufolge an 43 Standorten in 24 Ländern aktiv. Darunter in 13 Ländern in Afrika und Asien (AOA), in Europa unter anderem in Frankreich, Italien, UK und Polen. In Europa ist der Anteil am Gesamtumsatz beim Wasser mit 8,4% am höchsten, es folgt AOA mit 3,3%, die Anteile in China und Lateinamerika sind homöopathisch. Der Umsatz beim Wasser lag 2024 bei 3,4 Mrd Euro. Hinzu kommen andere Getränke, die Nestlé aber zum Getränkepulver-Segment rechnet.
Vom (Teil-)Verkauf der Wassersparte erhofft sich Nestlé laut Reuters fünf Mrd Euro. Gespräche laufen mit Investmentgesellschaften. Unter ihnen: Platinum Equity, Blackstone, One Rock Capital Partners (kaufte 2021 Nestlés US-Wassergeschäft für 3,46 Mrd Euro), PAI Partners (hat mit Nestlé ein Joint Venture für Tiefkühlpizzen in Europa) und CD&R. Am Ende will Nestlé das Wassergeschäft wohl nicht komplett verkaufen, CEO Freixe hält ein Joint Venture für denkbar. In einem Interview mit der NZZ sagt er: „Um das ganze Potenzial auszuschöpfen, brauchen wir einen Partner als Co-Investor, damit wir die Mittel für den Ausbau nicht aus dem Kerngeschäft nehmen müssen.“ Sollte einer jener Investoren zuschlagen, wird Nestlé Waters wohl dennoch zerhackt.
Seit dem Vertriebsstopp von Perrier und Vittel in Deutschland, bleibt vom einstmaligen Wassergiganten Nestlé Waters hierzulande ein kläglicher Absatzrest von rund 170 Mio Litern. Weil vom Markenportfolio hierzulande neben Sanbitter und Aqua Panna nur noch San Pellegrino (inkl. Limonaden) übrig ist, ist für Deutschland entscheidend, wer das Italien-Geschäft bekommt. Interessieren dürften die Entwicklungen um das Invest etwa den expansiven dänischen Braukonzern Royal Unibrew, der in Italien 2017 Camparis Firmensitz in Crodo, Piemont, inkl. der AfG-Marken Oransoda und Lemonsoda für 80 Mio Euro eingesackt hatte. Ob Investoren einen reinen Deutschland-Vertrieb erlauben oder die Marken nur mitsamt Brunnen in Italien verkaufen, bleibt abzuwarten. Es sieht aber so aus, als müsste erst alles zerhackt werden, damit das Trauerspiel Nestlé Waters ein Ende hat.
