Outsider: Mindestlohn-Grauen

Holger Messner

Lieber INSIDER,

was rollt da auf die Branche zu? Die NGG hat knallhart verhandelt: Trotz sinkender Umsätze müssen Brauer und AfG-Hersteller deutlich mehr Geld bezahlen. Vor allem aber: Zum 1. Januar 2026 steigt der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland von derzeit 12,82 Euro auf 13,90 Euro die Stunde – und ein Jahr später weiter auf 14,60 Euro. Laut Statistischem Bundesamt sind rund 6,6 Mio Jobs betroffen. Was für Sozialromantiker nach Fortschritt klingt, ist für weite Teile der Wirtschaft ein Rückschlag zur Unzeit. Auch für unsere Branche. Zum Beispiel für Getränkefachgroßhandel und Einzelhandel. Denn die Erhöhung um insgesamt rund 13,9% (im Schnitt dürften netto etwa 11,2% bei betroffenen Arbeitnehmern ankommen) hat das Potenzial, Kaskadeneffekte auszulösen, die tief in die Lohnstruktur der Unternehmen hineinschneiden. Wer bislang 14,50 Euro verdient hat, wird sich fragen, warum der Kollege mit bisher 12,82 Euro nun fast gleichzieht. Gerade im personalintensiven Getränkeeinzelhandel, wo viele Beschäftigte im Verkauf und in der Logistik nahe am Mindestlohn arbeiten, sind diese Effekte besonders spürbar. Auch im GFGH, wo Lager- und Auslieferungskräfte häufig in unteren Gehaltsgruppen angesiedelt sind, drohen zusätzliche Kosten durch notwendige Anpassungen in der Lohnstruktur.

Die Branche steht damit vor einem Dilemma: Mehr Lohnkosten, aber kaum Möglichkeit, diese über höhere Preise weiterzugeben. Zudem steigen auch die Nebenkosten, etwa durch höhere Sozialabgaben und die dynamische Anpassung der Minijob-Grenze (ab 2026: 603 Euro monatlich). Die Bundesregierung rechnet vor, dass 2026 die Lohnkosten um 2,2 Mrd Euro und das Jahr drauf um 3,4 Mrd Euro steigen werden. Und behauptet, dass es  keine negativen Auswirkungen auf die Beschäftigung gebe. Fakt ist aber: Der Faktor Personalkosten steigt bei kleineren (und automatisch ineffizienteren) Herstellern stärker als bei den Großen. Und im Handel werden es die kleineren Fachhändler schwerer haben, durch zusätzliche Konditionen ihre Margen zu erhalten.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) warnt bereits vor Jobverlusten und Wettbewerbsverzerrungen. Auch die Investitionsbereitschaft werde leiden. Etwa bei der Digitalisierung oder der Modernisierung von Verkaufsflächen. Was also tun? Die Mindestlohnerhöhung ist ein Einschnitt – und möglicherweise auch ein Wendepunkt. Vielleicht liegt genau darin die Chance: Die Jobs in unserer kleinen Getränkewelt attraktiver zu machen – für die Menschen, die sie mit Leben füllen. Und Marken dahin zu entwickeln, dass der Verbraucher tief genug in die Tasche greifen will.

Ihr Outsider

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