Ein Betriebsrat, der die alte Flexibilitätsvereinbarung aufkündigt; eine Geschäftsführung, die daraufhin Einstellung- und Investitionsstopps verkündet. Was ist los bei Oettinger in Braunschweig?
In bestimmter Hinsicht war es wirklich ein „Meilenstein im Transformationsprozess“, dass Oettinger-CEO Stefan Blaschak im Februar dieses Jahres mit zwei „europäischen Bankhäusern“ (eines davon laut INSIDE 945 und bislang unwidersprochen die LB Oberösterreich) das Engagement des bisherigen deutschen Bankenkonsortiums und dessen Konsortialkredite ablöste. Bis dato sollen die Bayern LB, die Deutsche Bank, die LB BaWü, die LfA und im Hintergrund die KfW ihre Engagement auch über Bürgschaften über die Standorte Braunschweig und Mönchengladbach abgesichert haben. Nun eben nicht mehr – weshalb sich immer mehr Leute in der Belegschaft Gedanken darüber machen, wie es mit den Standorten weitergeht.
Vergangene Woche kündigte der Betriebsrat in Braunschweig dem Vernehmen nach eine Flexibilitätsvereinbarung an, der zufolge manche Kollegen jeden zweiten Samstag zur Sonderschicht anrücken mussten. Für die Gewerbeaufsicht war das noch kein Fall; gekontert wurde die Aktion aber prompt und muffig von der Gf und der Ankündigung des Einstellungs- und Investitionsstopps, was freilich schon lange erwartet wurde. Unter den rund 200 Mitarbeitern fragen sich viele eher, ob es mit dem bestehenden Personal weitergeht.
Im defizitären Wettlauf um PET-Hektos für Karlskrone hatte die Oettinger Braugruppe Anfang des Jahres die Reißleine gezogen und 200.000 hl Karlskrone in PET Einweg für Aldi an Martens in Belgien abgegeben (INSIDE 943). Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde deutlich, wie fragil die Zukunft von PET in Braunschweig ist (es läuft dort ohnehin nur noch eine der beiden PET-Anlagen). In Oettingers ehemaliger Kuschelstube wird die Luft dünner, zumal auch ein im Zuge des Verkaufs des Werkes Gotha (im Oktober 2022) vereinbarter Interessensausgleich der Braunschweiger Mehrweg-Anlage eine Art Bestandsgarantie nur bis Ende 2024 zugestehen soll. Und dann?
Viele Hoffnungen in Braunschweig ruhen nun auf Blaschaks AfG-Initiative, u.a. auf dem in PET abgefüllten Protein-Wässerchen OeWater Protein-Soda – eines von vielen auf dem Markt, zum stolzen Liter-Preis von 3,58 Euro im „Probierpaket“ via Oettinger Online-Shop. Intern sprechen manche schon von der „letzten Patrone“ in Blaschaks Braunschweiger Revolver. Andere fragen sich, ob er einen Waffenschein für die weitere Verzettelung der auf Menge ausgerichteten Effizienzmaschine Oettinger hat. Vielleicht aber kommt doch noch mal Fahrt hinter die in der Zeit vor Blaschak stattgefundenen und letztlich von Regentin Pia Kollmar gecancelten Geheimverhandlungen mit der Hofbrauhaus Wolters-Mutter BraWo: erst Lohnfüllung, später Lohnbrau für die angeschlagene Wolters bei der benachbarten Oettinger. Zwei Kranke könnten ja einen halbwegs Gesunden ergeben. Oder zumindest ein paar freigelegte Grundstücke.
Printartikel aus INSIDE 952
