Nach der spektakulären Übernahme der bisherigen Hatz Moninger-Brauerei (INSIDE 968) zeichnet sich ab, wo die Reise hingeht. Paulaner will in aller Bescheidenheit das „größte Brauerei- und Getränkezentrum Südwestdeutschlands“ errichten. Brauern in Donaueschingen und im Odenwald schwant Übles.
Die Tinte unter den von INSIDE 968 vor zwei Wochen exklusiv vermeldeten Kaufvertrag zwischen der Paulaner Gruppe und der Unternehmerfamilie Scheidtweiler war noch nicht trocken, da rückten in Karlsruhe schon Lastwagen voller Container an. Der von langer Hand geplante Deal birgt jetzt, da Paulaner freie Hand hat, ein zeitlich sportliches Programm. Wie es heißt, wurden intern Mitarbeiter informiert, dass spätestens zu KW 20, also Mitte Mai, im Zweischichtbetrieb Spezi in Karlsruhe abgefüllt werden soll (und womöglich auch rund 80.000 hl Paulaner Limo, die bislang fremdgefüllt werden, was wiederum die Frage beflügelt, wieviel Paulaner-Heimat Paulaner Spezi und Paulaner Limo wirklich brauchen – oder eben nicht). Eine dritte Schicht produziert dann für die Voreigentümer bis auf weiteres geschätzt 60.000 hl Hatz und Moninger, dazu erste Mengen aus dem Paulaner-Kosmos.
Dass es dabei bleibt, ist bei der in den 70er Jahren auf rund eine Mio hl Kapazität ausgelegten Riesenbude im Karlsruher Westen wenig wahrscheinlich. Weitere Standorte der Paulaner Gruppe in der Region gelten als unrentabel, kleinteilig und für die Ambitionen der Münchner nicht sexy genug. 2004 hatte das damalige Heineken/Schörghuber-Joint-Venture Brauholding International (BHI) für 30 Mio Euro die Fürstlich Fürstenbergischen Brauerei in Donaueschingen übernommen (INSIDE 465), am 1. Januar 2005 folgten Marken und Braubetrieb der Privatbrauerei Hoepfner in Karlsruhe (INSIDE-Fax Extra 468a). Paulaner ist dort allerdings nur Mieter des Gebäudes; der Mietvertrag endet laut INSIDERN 2034. Abgefüllt wird die mittlerweile unter 100.000 hl gerutschte Marke Hoepfner längst bei der Paulaner-Tochter Schmucker, wo sich ebenfalls rund 100.000 hl Marke Schmucker noch ganz gut im Markt behaupten.
Investitions-Treiber Fürstenberg
Auch für das deutlich voluminösere Projekt Fürstenberg hat die Paulaner Gruppe – bislang – noch keine Lösung gefunden. Der brutale Investitionsstau aus alten Zeiten ist nicht aufgelöst, was schon vor über zehn Jahren dazu führte, dass Paulaner ein Grundstück in Donaueschingen kaufte, um dort einen Neubau zu installieren. Wie sich laut INSIDERN später herausstellte, ein eher spontanes, wenn auch schlecht kalkuliertes Geschäft. Als das Controlling zuletzt die Kosten für den (schmal geplanten) Neubau auf 80 Mio taxierten, soll die Münchner Zentrale abgewunken haben. Wohin nun mit den geschätzt 400.000 hl Fürstenberg aus Donaueschingen?
War am Ende für den Scheidtweiler-Deal weniger das nach oben offene Spezi-Wachstum (aktuell rund 2,2 Mio hl) entscheidend als vielmehr die Suche nach Braukapazitäten für Donaueschingen? Das geschätzt 550.00 hl große Fürstenberg-, Schmucker- und Hoepfner-Volumen könnte mittel- bis langfristig problemlos zu der Millionen-Brauerei nach Karlsruhe mit ihrem vergleichsweise neuen Sudhaus (2011) und ihren vielen deutlich älteren 5.000 hl-Tanks rüberwandern. Womöglich waren ja solche Überlegungen Treiber der von INSIDERN kolportierten Aussage aus Paulaner-Kreisen, man wolle Karlsruhe „zum größten Brauerei- und Getränkezentrum in Südwestdeutschland“ ausbauen.
Ganz so schnell gehen wird es dann wohl doch nicht. Für den ersten Schritt erwarten INSIDER erstmal Lohnbrau der bisherigen, auf insgesamt 50.000 hl taxierten Marken Hatz und Moninger, bis Scheidtweilers auf dem benachbarten früheren Getreidesilo ihre eigenen Pläne zum Neubau einer Brauerei (samt Biergarten auf dem Hochdach) realisiert haben.
Auch die emsige Unternehmerfamilie, die mit dem Paulaner-Asset-Deal eine für ihre Verhältnisse viel zu große Brauerei losgeworden ist (aber offenbar alle Pensionsverpflichtungen der alten Hatz-Moninger in Millionenhöhe weiter übernimmt), hat noch mindestens eine weitere Baustelle in ihrem Brauerei-Portfolio offen – bei ihrer rund 27.000 hl großen Brauerei Franz in Rastatt, wo es im Vorjahr zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit zu Auseinandersetzungen mit dem Amt für Veterinärwesen und Lebensmittelüberwachung kam (INSIDE 961). Scheidtweilers wollen sich derartiges Gebahren nicht mehr gefallen lassen; nach einem Gutachten steht die Androhung von Schadensersatzforderungen im Raum – und der Braubetrieb ist geschlossen. Ob und in welcher Form in Rastatt jemals wieder Bier gebraut wird, liegt jetzt an der Investitionsbereitschaft von Scheidtweilers Tochter Dorothee, ihrem Mann Johannes Schweitzer und Patensohn Lionel Berger, die zudem auch mit dem Bayerischen Brauhaus Pforzheim, der Eppinger Palmbräu, bei Ruppaner Konstanz und mit Gemünder Bier brauen.
Wohin switcht die Getränkelogistik?
In Karlsruhe indes dürften mit dem Brauerei-Deal auch andere Segmente in Bewegung geraten. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Brauereilogistik von Hoepfner zur Hatz-Moninger verlegt und dort mit der bestehenden Scheidtweiler-Logistik zusammengelegt wird. Rückt Paulaner dort mittelfristig von der bisherigen, auf Langwied fokussierten Rampenstrategie ab? Zudem scheint noch offen, ob auch der Karlsruher GFGH Bierhalter als Paulaners Südstar-Tochter auf dem bisherigen Gelände verbleibt oder ebenfalls umzieht.
