Schock für die deutsche Brauwirtschaft: Die Bier-Exporte nach Russland sind seit Jahresbeginn pulverisiert. 1,5 Mio hl stehen im Feuer und werden den ohnehin überhitzten Markt überfluten – Trump und seine eigenen Zölle noch gar nicht mitgerechnet.
Es kam, wie es kommen musste und wie INSIDE es Mitte Januar vermutet hatte (Ausgabe 967): Nach einer massiven Erhöhung der Einfuhrzölle auf Bier zu Anfang 2025 kollabiert der Export von Bier aus „unfreundlichen Staaten“ nach Russland. Zu diesen „unfreundlichen Staaten“ gehört aus russischer Sicht auch Deutschland. Die Einfuhrzölle schossen von zehn Cent auf einen Euro pro Liter hoch, nachdem sie schon Anfang 2024 von vier auf zehn Cent erhöht worden waren. 2.500% mehr Zoll auf Bier innerhalb eines Jahres – das war‘s dann erst mal für den Hoffnungsmarkt Russland. Seit Juni 2024 verlor der Export dorthin Monat für Monat Tausend Hektoliter, zum Showdown kam es aber jetzt im Januar: Von den 188.000 hl im Januar 2023 und den immer noch 95.000 hl im Januar 2024 bleiben nur noch 14.000 hl übrig. Hochgerechnet aufs Jahr 2025 wären das – spekulativ – noch maximal 170.000 hl.
Leidtragende sind bis auf weiteres die BIG 3 der Russland-Exporteure: Eichbaum mit geschätzt 260.000 hl, TCB mit rund 400.000 hl – und der bisherige Klassenbeste Oettinger mit rund 550.000 hl. Sie lieferten Billigbier, was jetzt nicht mehr billig ist. Die für Deutschlands Brauer wesentlichen russischen Retailer X5 (für Oettinger) und Krasnoe & Beloe (Red & White) orientieren sich um.
So drücken weitere Überkapazitäten auch auf den deutschen Markt. Die deutschen Brauer hatten 2023 schon 2,8 Mio hl und im Jahr 2024 weitere 1,2 Mio hl Bier (ohne alkoholfreies Bier) Vorjahr verloren. Und allein in den ersten beiden Monaten dieses Jahres 2025 fehlten der Brauwirtschaft 800.000 hl gegenüber Vorjahr.
Der Wanderpokal zerbröselt
Langsam wird es auch den kühnsten Strategen schummrig. Mit dem Schwächeln des chinesischen Marktes, in den die Brauer noch 2016 rund 2,6 Mio hl exportierten (mittlerweile nur noch 1,3 Mio hl), hatten sie den Wanderpokal an Russland weitergegeben. Reziprok zum chinesischen Markt schien es dort eine Zeit lang nur bergauf zu gehen. 2021, inmitten der Corona-Zeit, war der Peak erreicht; deutsche Brauer exportierten zwei Mio hl in Putins Reich, dann begann der Krieg. 2024 waren es nur noch 1,2 Mio hl. Und jetzt: fast nichts mehr.
Noch mal weitergeben wird den Wanderpokal allerdings niemand. Auch das Exportland No.1 Italien nicht. Schon die Ausschreibung des italienisch-slowenischen Discounters Eurospin im Spätherbst erwies sich als ruinös. Bei Oettinger soll intern die Devise herrschen, das gut eine halbe Million hl große Russland-Desaster „auf Teufel komm raus“ andernorts reinzuholen. Dazu sorgt eine ungute Konstellation in Osteuropa für eine Verschärfung: Laut INSIDERN sind die Läger in den baltischen Staaten voll mit Ware, die für Russland gedacht war; sie flutet jetzt den Markt.
Über feine Wertschöpfung bei stabilen Absätzen durften sich die Brauer indes seit Jahren beim Blick über den Atlantik freuen. Der US-Markt verhieß zwar keine großen Sprünge, zuletzt waren es 600.000 hl. Der statistische Wert der Ausfuhren lag allerdings bei 68 Mio Euro – vor zehn Jahren war es dreimal so viel. Von (rechnerisch) 113 Euro/hl konnten Russland-Exporteure in den letzten Jahren nur träumen (2024: 70 Euro/hl). Gerät dieses margenstarke Geschäft unter Zoll-Freak Trump ins Rutschen?
Fast schon egal, ob Bier nun dauerhaft mit 20 % oder 25 % Zöllen (wegen der Sonderzölle auf Aluminiumdosen) oder gar, wie manche mutmaßten, mit einer Kombination beider Werte belegt werden – der Logik von Irrwisch Trump widersteht am ehesten, wer sich in den Vereinigten Staaten im Hochpreissegment etabliert hat: Dennoch rutschte manch Brauereidirektor seit Trumps Zollrausch das Herz in die Hose. Allein bei Paulaner und Weihenstephaner Stehen über 100.000 hl im Feuer. Dazu mit vergleichsweise hohem Importvolumen die andere bayerische Staatsbrauerei Hofbräu, Warsteiner, Radeberger, und Bitburger. Andere Edelmarken wie Augustiner, Maisel´s, Schneider Weisse oder Erdinger laufen auf eher überschaubarem Niveau. Beck´s hingegen wird seit 2012 in St. Louis gebraut, als AB Inbev 600.000 hl von Bremen in die USA rüber schob (INSIDE 640).
Bei aller Wertschöpfung haben führende deutsche Brauereien sukzessive ihr Interesse an Exporten in die USA reduziert. Der US-Markt war schon immer schwierig. Die zentrale Administration und die Regierungen von 50 Bundesstaaten haben Etikettenvorschriften, Flaschengrößenbeschränkungen, Werbegesetze und die Regularien für ein anspruchsvolles dreistufiges Vertriebssystem längst verschärft, auch vor Trump. Nun ruht die Hoffnung auf zahlungskräftigen deutschstämmigen US-Bürgern, die bereit sind, für „Bier made in Germany“ mehr Geld in die Hand zu nehmen.
