Der Wissenschaftler Dr. Nicolai Worm übt beim Get.In.-Kongress scharfe Kritik an selektiven Studien zu den Folgen des Alkoholkonsums. Seine These: WHO und DGE arbeiten mit unzureichendem Datenmaterial – und verteufeln zu Unrecht pauschal den Alkoholgenuss.
Dirk Wiese bekam dieser Tage einen nachhaltigen Eindruck davon, wie laut die Anti-Alkohollobby ihre Trommeln schlägt. „Grenzenlose Ahnungslosigkeit“ von den Folgen des Alkoholkonsums attestierte schnöde die Zentrale der in Hamburg ansässigen deutschen Sektion der Guttempler. Es war wie immer ein wohl portionierter Entrüstungs-Reflex, der mittlerweile alle trifft, die sich vermeintlich vor den Karren der Alkoholwirtschaft spannen lassen. So wie eben Dirk Wiese, 42, erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Bundestag und vormals Sprecher des Seeheimer Kreises.
Sein Fehler aus Sicht der Guttempler: Wiese hatte sich unlängst vom Bundesverband der Deutschen Spirituosenindustrie (BSI) zu deren „Genussbotschafter für den verantwortungsvollen Umgang mit alkoholischen Getränken“ küren lassen. Der Rumor aus Hamburg ließ nicht lange auf sich warten. Journalisten kommentierten wohlfeil im Sinne des Guttempler-Bundesvorsitzenden Fredric Schulz. Als ob das alles so einfach wäre.
Die Trickserei mit den Zahlen
Einer, der sich seit Jahrzehnten mit den Guttemplern und ihrem Einfluss auf nationale und internationale Gesundheitsbilanzen auseinandersetzt, ist der Oecotrophologe Dr. Nicolai Worm, der seit 2008 Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHPG) in Saarbrücken ist und derzeit gut gebucht ist – u.a. auch beim Bayerischen Brauerbund vor wenigen Tagen. Worm war beim Get.In.-Kongress vor zwei Wochen in Frankfurt angetreten, um aktuelle Empfehlungen von WHO, DGE und anderen gesundheitspolitischen Einrichtungen mit Blick auf deren wissenschaftliche Evidenz einzuordnen. Bekannt ist er durch seine kritische Position in der Cholesterin-Diskussion und zu einigen Standpunkten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und er betont die Bedeutung evidenzbasierten Herangehens an ernährungswissenschaftliche Fragen.
Zwischen dem Wissenschaftler und die DGE passt offensichtlich deutlich mehr als nur ein Blatt Papier. In Frankfurt jedenfalls schoss sich der Forscher schnell auf das von der DGE und der World Health Organisation (WHO) inszenierte Alkohol-Bashing ein. Bekanntlich fährt insbesondere die WHO einen harten Anti-Alkohol-Kurs: 2023 hatte die kommissarische Leiterin eines Referats am WHO-Regionalbüro Europa, Dr. Carina Ferreira-Borges, postuliert, „das Risiko für die Gesundheit beginnt beim ersten Tropfen jedes alkoholischen Getränks“. Und weiter: Von einer „gesundheitlich unbedenklichen Menge an Alkoholkonsum kann nicht die Rede sein“.
Kleiner Haken dabei: Laut Recherchen von Prof. Worm leiten sich von der DGE veröffentlichte Angaben für den Alkoholkonsum pro Woche mit geringem bzw. moderatem Gesundheitsrisiko von Berechnungen einer kanadischen Arbeitsgruppe ab, die in ihrer Analyse Daten aus 16 Reviews mit Metaanalyse zu verschiedenen Krankheiten und auch Unfällen und Verletzungen berücksichtigt. Als risikoarmer Konsum gilt demnach die Menge Alkohol, aufgrund derer eine von 1.000 Personen vor dem 75. Lebensjahr verstirbt oder für 17,5 Jahre erkrankt. Bei der Alkoholmenge mit moderatem Risiko gelten diese Bedingungen bei einer von 100 Personen.
Worms mit Fundamentalkritik
Beschrieben wurde die kanadische Studie von 24 Autoren. Drei davon sollen finanzielle Unterstützung von Movendi International erhalten haben – einer Vereinigung der Guttempler, die seit über 100 Jahren für die Enthaltsamkeit von Alkohol plädieren und auch die WHO in ihrer Alkohol-Agenda beraten soll. Anders hingegen eine breit angelegte Studie der National Academies zur Auswirkung moderaten Alkoholkonsums auf die Gesundheit: Worm interpretiert diese so, dass ein Drink pro Tag bei Frauen (14 g Alkohol) und zwei Drinks bei Männern (28 g) sogar positive Auswirkungen auf Herzinfarkt-, Hirninfarkt- und Kreislaufinfarkt-Mortalität hätten.
Worms Fundamentalkritik: Die Empfehlungen der DGE basierten auf „selektiven Studien, die weder zwischen Getränkeart noch hinsichtlich Trinkmuster oder Lebensstilfaktoren differenzieren“. Diese Einschätzung teilt das renommierte International Scientific Forum on Alcohol Research (ISFAR) bei der Beurteilung einer 2020 veröffentlichten Studie (GBD), auf die sich auch WHO und DGE fokussierten: „Das Versäumnis, (...) kulturelle Faktoren, Übergewicht (...) zu berücksichtigen, beeinträchtigt die Möglichkeit, zielführende Angaben für einzelne Bevölkerungsgruppen zu machen“.

