Dieser Artikel wurde in IF- INSIDE FUTURE 2025 #1 (Mai 2025) veröffentlicht.
Gesünder, mehr Kontrolle – was auch immer die Gründe sind: Alkoholfreie Getränke verkaufen sich gut. Entsprechend decken sich immer mehr Hersteller mit Entalkoholisierungsanlagen ein. Der Bier-Markt wächst, der Sprit-Markt wird gerade erst erschlossen. Auch für Handelsmarken.
Der Bierabsatz sinkt. 2024 waren es 1,2 Mio hl weniger als im Vorjahr. Die Entwicklung von alkoholfreiem Bier aber weist in die entgegengesetzte Richtung: Dort hat sich der Absatz von 2,67 Mio hl im Jahr 2013 auf 5,56 Mio hl zehn Jahre später mehr als verdoppelt. Der Marktanteil alkoholfreier Biere und Biermischgetränke 2024: 9%.
Stellvertretend für diese Entwicklung etwa steht die Oberpfälzer Bio-Brauerei Lammsbräu, die 2024 14,3% weniger klassisches Bier verkaufte, beim alkoholfreien Bier aber die 100.000 hl-Marke knackte. Den größten Run erlebt aber Augustiner, München. Mit dem Hype um das alkoholfreie Helle hat auch bei den Verantwortlichen niemand gerechnet. Seit gut einem Jahr ist das Produkt in den Fachmärkten im Münchner Umland maximal Mangelware.
INSIDER berichten, Augustiner habe schon vor Monaten eine zweite Entalkoholisierungsanlage beim Düsseldorfer Anlagenbauer GEA in Auftrag gegeben. Bis die allerdings am Augustiner Produktionsstandort in Freiham anläuft, können noch Jahre vergehen. Und erst dann dürften mögliche Überlegungen realistisch sein, den Vertrieb auf den LEH auszuweiten.
Auch alkoholfreier Sprit-Markt wächst
Doch Bier ist längst nicht das einzige Segment, in dem auch die alkoholfreie Variante funktioniert. Gin-Hersteller Rheinland Distillers etwa dreht mit seiner alkoholfreien Premium-Marke Siegfried Wonderleaf (UVP: 18,90 Euro) 250.000 Flaschen im Jahr. Das sind viermal so viele Füllungen wie die der regulären Gin-Marke Siegfried.
Natürlich ist der Anteil von alkoholfreien Spirituosen im Vergleich zum Sprit-Gesamtabsatz noch immer homöopathisch. Auch hier ist es aber die Entwicklung, die die Hersteller genau beobachten: Circana zufolge rutschte der Sprit-Absatz im Handel inkl. Discount (und der deckt rund dreiviertel des Gesamtabsatzes) im Jahr 2023 um 4,5% ab. Der Umsatz lag mit 4,9 Mrd Euro dank Preiserhöhungen auf Vorjahresniveau. Der LEH-Umsatz alkfreier Spirituosen indessen legte im selben Zeitraum laut Nielsen um 55% zu. Belastbare absolute Umsatzzahlen gibt es nicht. Nicht mal beim alkoholfreien Wein, der eine Spur etablierter ist als Spirituose. Beim Wein, wo es vier bis fünf Entalkoholisierer gibt, taxieren INSIDER den Gesamtabsatz in Deutschland auf rund 80 Mio Liter.
Bimmerle schiebt an
Trotz der kleinen Mengen beobachten Hersteller diese Entwicklung genau. Manche reagieren prompt: Bimmerle zum Beispiel, im Spirituosenbereich einer der größten Handelsmarkenhersteller in Deutschland, gründet mit dem israelischen Anlagenbauer Prodalim, genauer gesagt mit dessen deutschen Tochterunternehmen Flavologic, ein 50:50-Joint Venture: die Solos Spirits GmbH. Gf vonseiten Bimmerle ist Rudolf Herrmann, Laborleiter am Bimmerle-Standort in Sasbach. Ihm zur Seite steht Claudia Geyer, Gründerin von Flavologic.
Flavologic plant und baut Entalkoholisierungsanlagen seit zehn Jahren selbst. Am Standort in Zorneding im Osten Münchens wird im Lohnverfahren produziert. Und bisher haben nur zwei Weinhersteller Flavologic-Anlagen am eigenen Standort aufgebaut: das Entalkoholisierungszentrum Baden-Württemberg (EAZ) und der Weinproduzent Trautwein. Im Bereich Spirituosen ist Bimmerle der erste Hersteller mit einer eigenen Entalkoholisierungsanlage von Flavologic. Diese Anlage ist flexibel einsetzbar, kann Mengen zwischen 100 und 25.000 Litern entalkoholisieren und auch 10 Liter-Tests für Hersteller durchführen, die herausfinden wollen, wie ihr Produkt ohne Alkohol schmeckt.
Das erste hauseigene, in dieser Anlage entstandene Produkt ist Bimmerles alkoholfreie Gin-Variante von Needle Blackforest (UVP: 12,99 Euro). Solos Spirits brandet die Technologie dahinter als Solos-Verfahren. Was sie ausmacht? Mittels einer Vakuumdestillation werden in einem ersten Schritt Aroma und Alkohol gemeinsam entzogen. Aus diesem Gemenge wird im Anschluss in einem zweiten Schritt das reine Ethanol herausgefiltert, das Aroma wiederum wird dem Produkt wieder zugeführt. Heißt, es müssen im Anschluss an den Entalkoholisierungsprozess keine externe Aromastoffe beigefügt werden. Zugunsten der Haltbarkeit wird am Ende Milchsäure noch beigefügt und so schreibt Bimmerle auf dem Etikett unter den Zutaten „100% entalkoholisierter Needle Gin“.
Um die Anlage auszureizen, wird Bimmerle die Anlage nicht allein für eigene Produkte nutzen. Der Sprit-Hersteller bietet das Verfahren auch als Dienstleistung an. Erster großer Kunde bei Solos/Bimmerle war Underberg mit seinem alkokoholfreien Cachaça Pitú 0,0%, der im Herbst 2024 auf dem Barconvent Berlin vorgestellt wurde. Bald dürften erste Handelsmarken folgen und wir halten an dieser Stelle fest: Premium-Ware wie Siegfried Wonderleaf hat den Markt geöffnet, jetzt geht’s auch beim Sprit an die Massenproduktion.
Jonathan Ederer
