Lieber INSIDER,
es ist der Sound meiner Jugend, zumindest der als INSIDE-Reporter: „Hopp, hopp, Dosenstopp!“, tönte es über eine blockierte Bundesstraße, hinter einer „Barrikade“ aus Brauereilastern hatte sich eine Horde mittelständischer Brauer und ihre Belegschaft versammelt. Das war 1995, lange bevor Jürgen Trittin ein Einwegpfand einführte, was der Dose den Stecker zog. Im damals schon rückläufigen Biermarkt hatte der Mittelstand (mitsamt Mineralbrunnen, GFGH und Fachhandel) einen staatlichen Schutzpanzer erhalten. Dieses Exoskelett trug viele lange durch den Markt. Doch 30 Jahre später sieht es so aus, als ob die Formel „Mehrweg ist Mittelstandschutz“ nicht mehr aufgeht oder vielleicht auch gar nicht mehr stimmt.
Die ersten drei Monate waren bitter. Der Absatz rutscht. Und jeder verlorene Hekto Bier zieht die Margen für Mehrweg nach unten, der Anteil der (umsatzschwächeren) Wasserkisten wird größer. Die Stoppmengen sinken und dann zerhacken Rewe/Trinks und Edeka/Kaufland/DGL auch noch ein leidlich effizientes System. Ergebnis: Mehrweg wird teurer. Und das werden die Hersteller spüren: Der LEH als Gesellschafter oder Kooperationspartner der Getränkelogistik wird jeden Kilometer, jedes Leerguthandling bis auf jeden Cent zurückrechnen. Wer mit seinen Marken einen größeren Radius erreichen will (oder muss), rutscht automatisch in höhere Preisschienen.
Und so gibt es immer mehr Mehrwegfans, die sich auf die Dunkle Seite wagen. Markenbrunnen berichten über wachsende PET-Einweg-Volumina, bei Coca-Cola lässt die aktive Hinwendung zu Mehrweg wieder nach, der Einweganteil ist auf über 60% des Volumens gewachsen, Fachhändler bauen ihre Dosenregale (besonders RTD und Energy) weiter aus und auch die schnuckligsten Mittelstandsbrauer informieren sich inzwischen über Dosenabfüllanlagen oder -dienstleister.
Den fatalen Absatzrückgang bei Bier kann ein Verpackungsswitch freilich nicht aufhalten. Brauer fragen sich: Wann führt der Nachfragerückgang endlich zum Rückgang des Angebots? Wann geht endlich Kapazität vom Netz? Die paar Kleinbrauer, die es in den letzten Monaten erwischt hat, fallen nicht ins Gewicht. Zu den vier Mio hl, die 2023 und 2024 an Absatz verloren gegangen sind, kommen 2025 noch mehr dazu. Im ersten Quartal fehlen geschätzt über eine Mio hl Absatz. Obendrein, so hat es mein Kollege Toni Greim recherchiert, werden allein Oettinger, TCB und Eichbaum über eine Mio hl in Russland verlieren. Sie hecheln nun nach Ersatz. Mittelstandsaktivisten müssten heute wohl eher Brauanlagen sprengen, statt Barrikaden errichten. Hopp, hopp, Kapazitätsstopp!
Ihr Outsider
