Reziprok zur Entwicklung am Biermarkt zwingt die NGG auch Radeberger, Bitburger und Carlsberg im Osten in die Knie. Oettinger wehrt sich noch. Der härteste Arbeitskampf der Brauer seit Jahrzehnten ist längst eskaliert.
Ob man sich nur zu sicher war auf Seiten der Tarifgemeinschaft Ost oder es drauf ankommen lassen wollte: Nach drei Wochen fast durchgängigem Dauerstreik bei den Radeberger-Brauereien Freiberger, Krostitzer, Sternburg und Radeberger und kürzeren Streiks bei Wernesgrüner (Carlsberg) und Köstritzer (Bitburger) sollen zum vergangenen Wochenende Radebergs Finanzchef Christian Schütz und Personalerin Susanne Dienelt versucht haben, das Steuer noch mal rumzureißen. Nach je 39 bestreikten Schichten waren die einst proppevollen Läger der Betriebe ausgedünnt. Assistiert vom Gf des sächsischen Brauerbundes resp. Arbeitgeberverbandes Thomas Gläser bissen sie dann in die sauerste Zitrone, die ihnen je hingehalten wurde: 6,3% mehr Lohn bei einer Arbeitszeitverkürzung von 38,5 auf 38 Stunden, nach Rechnung der NGG durchgerechnet mehr als 7,7% obendrauf.
Oettingens Alptraum
Das Argument der Ost-NGG, die Löhne sollten endlich an die im Westen angeglichen werden, dürfte damit entkräftet sein. Selbst die Bayern kamen nicht über ein 6,5%- Lohnplus hinaus – und musste dafür seinerzeit Prügel aus der ganzen Branche einstecken.
Ob indes die mittlerweile (seit 2022) ohne ihren Ost-Ableger Gotha agierende Oettinger Braugruppe weiter den Kurs ihres CEO Stefan Blaschak fahren und die rund 800-köpfige Belegschaft mit einem schwer durchschaubaren Portfolio an Tarifangeboten fahren kann, blieb bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe unklar. Womöglich unüberlegt hatte Blaschak zu Beginn dieser Woche – als die NGG zu zweitägigen Streiks an allen Standorten aufrief – in diversen Interviews den Stinkefinger gezogen und auf volle Läger verwiesen. Was die NGG am Dienstag zum Anlass nahm, in Oettingen dann eben eine ganze Woche lang streiken zu lassen. Blaschak selbst scheint bis dato nicht gewillt, sich angesichts sinkender Biervolumina auf Diskussionen um Reallohnsteigerungen einzulassen; seine Vorstellungen tendieren eher zu Arbeitszeit-Erhöhungen und „Anpassungen“ des Manteltarifs. Mehr Öl kann er bei der NGG eigentlich nicht ins Feuer gießen.
Betriebsleiter weg
Parallel zur Ankündigung des CEO vor wenigen Wochen, die Produktion am Standort Braunschweig bis 2026 einzustellen (INSIDE 981), haut der bisherige Oettinger-Betriebsleiter Gladbach, Rene Rainer, in den Sack – bei der zu erwartenden Mehrarbeit in Gladbach (bei maximal gleichbleibender Belegschaft) ein harter Schnitt. Immerhin muss sein Nachfolger dort nicht die von Blaschak angekündigte Hellbier-Offensive installieren. Laut dem CEO wird am Standort Oettingen bald eine Abfüllanlage für Helles in der Euroflasche aufgebaut. Entdeckt Oettinger (wie TCB auch in Dresden) am Ende noch den Heimatmarkt?

